Episode cover of #3 Schulische Inklusion als widersprüchliche Herausforderung

#3 Schulische Inklusion als widersprüchliche Herausforderung

Inklusionsfragen – Die Podcastreihe des ZfIB

  • 30.09.21
  • 33 min

Über diese Folge

Schulische Inklusion stellt neue Herausforderungen an ein System, das an Selektion und Leistung orientiert ist. Die sich daraus ergebenden Spannungen untersucht Bettina Reiss-Semmler in ihrer Dissertation mit dem Titel „Schulische Inklusion als widersprüchliche Herausforderung“. Sie nimmt dabei Lehrer*innen in den Blick, die an Grundschulen tätig sind, welche sich als inklusiv verstehen. Bettina Reiss-Semmler war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt und absolviert derzeit den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an beruflichen Schulen. (EVT: 11.05.2021)

Titel

#13 Eine praktische Alltagsmoral 'inklusiven' Grundschullehrer*innenhandelns
Mit Inklusion gehen normative Fragen einher. Abseits von intellektualistischen Auseinandersetzungen mit diesen, sehen sich Grundschullehrer*innen mit der Aufgabe konfrontiert, die bisweilen verborgenen Normativitäten der Inklusion in die Eigenlogik der Alltagspraxis zu übersetzen. Matthias Olk fragt in seiner Dissertationsstudie danach, wie diese Übersetzung im (berufs-)biographischen Sprechen grundschulpädagogischer Akteur*innen vollzogen wird, deren Tun im Anspruch der Inklusion steht. Der empirische Blick richtet sich dabei auf Fragen nach der Bedeutung pädagogischer Tradierungen, nach der Neuordnung des Verhältnisses zu anderen pädagogischen Akteur*innen und nach dem Umgehen mit dem Abweichenden. Schließlich stellt sich die Frage nach einem Muster der Praxis, das als eher professionalisierte Ausdrucksform einer praktischen Alltagsmoral des Grundschullehrer*innenhandelns im Anspruch der Inklusion bezeichnet werden kann. Matthias Olk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen. (EVT: 01.12.2023)
33:50 01.12.23
#12 Die ADHS der Sonderpädagogik
Benjamin Haas beschäftigt sich in seiner Studie mit der machtvollen Konstruktion des Nicht:Normalen. Dazu hat er untersucht, wie das Phänomen ADHS auf der Ebene sonderpädagogischer Wissensbestände als eine Kategorie ‚nicht_normalen’ Verhaltens konstruiert wird. Gefolgt ist der Autor einem kulturwissenschaftlich inspirierten Verständnis von Behinderung, das auf Wissensformierungen des sonderpädagogischen Feldes übertragen wird. Die Arbeit ist deshalb auf dem Gebiet der Disability Studies in Education verortet und es wurden ausgehend von einer normalismus- und machtkritischen Orientierung sonderpädagogische Fachartikel zum Thema ADHS aus den Jahren 2000-2015 mit einem diskurstheoretischen Zugang analysiert. Durch die Befunde lässt sich nicht nur zeigen, auf welche Weise die Konstruktion des Gegenstands ADHS in der diskursiven Praxis erfolgt. Vielmehr noch wird nachgezeichnet, wie die Grenze zwischen ‚normalen’ und ‚nicht_normalen’ Verhaltensweisen gezogen wird, welche Angebote die als ‚nicht_normal’ markierten Schüler_innen zur Re-Integration in die Normalzone erhalten und mit welchen Adressierungen diese Beschäftigung einhergeht. Dieser Beitrag zu einer differenztheoretisch fundierten empirischen Inklusionsforschung verweist auf ein institutionalisiertes making of impairment der Sonderpädagogik und zwar zum Schutz der bestehenden schulischen Ordnung. Benjamin Haas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an Goethe-Universität Frankfurt. (EVT: 06.09.2023)
33:36 06.09.23
#11 'Am offenen Herzen operieren': Ungewissheit und ihre Überwindung in der inklusiven Schulentwicklung
Was heißt es für Lehrkräfte, eine neue inklusive pädagogische Praxis zu vollziehen, und diese zugleich im Rahmen von Schulentwicklung erst hervorbringen zu müssen? Mit dieser Frage hat sich Sven Pauling (Universität Oldenburg) in seiner Dissertationsarbeit beschäftigt. Er betrachtet dabei den Schulversuch PRIMUS in NRW, der eine Vielzahl innovativer pädagogischer Arrangements in sich vereint. Die PRIMUS-Schulen sind nicht nur inklusiv, sondern auch jahrgangsgemischt, umfassen die Jahrgänge 1-10 und verwenden alternative Formen der Leistungsbewertung. Ungewissheit entsteht im Kontext einer entsprechenden Schulentwicklung, weil nicht nur pädagogisch spannungsreiche Situationen eines konsistenten Verständnisses von Lehrkräften bedürfen, sondern weil ein Handeln angesichts solcher Situationen auch zwischen den Lehrkräften abgestimmt sein muss. In der inklusiven Langformschule wird dies insbesondere entlang unterschiedlicher Deutungsmuster von Primar- und Sekundarschulkolleg:innen zu Leistung und Wohlbefinden von Schüler:innen bedeutsam. Aus einer struktur- und schulkulturtheoretischen Perspektive argumentiert Pauling, dass hierbei ein Konsens kaum möglich, aber auch nicht unbedingt notwendig ist. Wir hören ihn im Gespräch mit Anna-Luise Rehm.
36:33 15.05.23
#10 LGBTIQ* - All Inclusive? Soziale Deutungsmuster von Lehrkräften
Wie nehmen Lehrkräfte geschlechtliche und sexuelle Vielfalt wahr? Nehmen sie diese überhaupt in ihrer Vielfalt wahr? Und was bedeuten die Perspektiven der Lehrkräfte wiederum ganz konkret für das pädagogische Handeln? Von einer kritisch-dekonstruktiven Pädagogik ausgehend, hat Florian Cristóbal Klenk in seiner Dissertation zur Beantwortung dieser Fragen eine Deutungsmusteranalyse mit Lehrkräften unterschiedlicher Schulformen durchgeführt. Dabei denkt er – im Anschluss an Jutta Hartmann – geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen von einer Perspektive der Vielfalt her und reiht sich somit in einen heteronormativitätskritischen Diskurs ein – in diesem Fall mit besonderem Blick auf Schulpädagogik und Lehrer*innenprofessionalität. Florian Cristóbal Klenk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Schulpädagogik der TU Darmstadt. Im Wintersemester 2022/23 war er Gastprofessor für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.
39:30 25.04.23
#9 Differenzerleben von Kindern im Kontext der Sachunterrichtsdidaktik
Wie kann Differenzerleben von Kindern explizit zum Thema von Sachunterricht gemacht werden und wie kann zugleich der Vielschichtigkeit von Differenzkategorien didaktisch entsprochen werden? Um diesen Fragen nachzugehen, braucht es zunächst Erkenntnisse darüber, wie Kinder Differenz erleben. Diesem Desiderat in der deutschsprachigen Forschungslandschaft ist Florian Schrumpf in seiner Dissertation mit dem Titel „Kinder thematisieren Differenzerfahrungen. Eine rekonstruktive Studie unter besonderer Berücksichtigung der Sachunterrichtsdidaktik und des Sozialen Lernens“ nachgegangen. Florian Schrumpf war von 2019 bis 2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Sachunterricht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Aktuell ist er Referendar an einer Berliner Grundschule. Für seine Dissertation, die er 2022 als Mitglied des Graduiertenkollegs „Inklusion – Bildung – Schule“ an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen hat, wurde er in diesem Jahr von der GDSU (Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts) mit dem Ilse-Lichtenstein-Rother-Preis ausgezeichnet. (EVT: 24.03.2023)
32:20 24.03.23
#8 Materialien für alle: Wie Bildungsmaterialien inklusionssensibel gestaltet werden können
Blicken wir auf den Zusammenhang von Inklusion und Unterricht, so wird neben der Gestaltung der jeweiligen Lehr-Lern-Settings auch das Material, welches in der Unterrichtspraxis eingesetzt wird, bedeutsam. Welche Kriterien braucht es, um das Unterrichtsmaterial auf seine inklussionsensiblen Dimensionen hin (kritisch) in den Blick zu nehmen, wird das Material den unterschiedlichen Bedarfen und Lernwegen der Schüler*innen gerecht und inwiefern können diese Fragen und die daraus resultierenden Perspektiven in die Gestaltung von neuem Lernmatierial eingebracht werden? Diese auf das Unterrichtsmaterial bezogenen inklusionspädagogischen Themen stellen laut Prof.in Michaela Vogt nach wie vor eine wissenschaftliche Leerstelle dar. In dem Projekt "ITM- Inclusive Teaching Material" wurde sich diesen Fragen ausführlich gewidmet. Resultat ist ein Kriterienkatalog, welcher sowohl von Lehrkräften als auch Schüler*innen angewendet werden kann, um das Unterrichtsmaterial auf seine Inklusionssensibilität hin zu befragen. Michaela Vogt ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt "Theorie und Geschichte der inklusiven Pädagogik" an der Universität Bielefeld. Sie wird in dieser Folge von Vincent interviewt, welcher als Schüler der Marienschule in Bielefeld auch schon selbst den Kriterienkatalog angewendet hat. (EVT: 04.11.2022)
20:34 04.11.22
#7 Zur unterrichtlichen Anforderung der Selbstregulation: Portfolioarbeit & Inklusion
Der Schulunterricht stellt unterschiedlichste Anforderungen an die Schüler:innen, die weit über die fachliche Dimension hinausreichen. Da gehört u.a. dazu, sich im Sinne des jeweiligen Settings regulieren zu können (also bspw. ruhig zu sitzen). Viele dieser Anforderungen werden von den Lehrkräften explizit gestellt; einige bleiben aber auch implizit und müssen von den Schüler:innen als „gewiefte Hermeneuten“ entschlüsselt werden. So zum Beispiel die impliziten Anforderungen bei der Portfolioarbeit. Der Podcast thematisiert unterrichtliche Anforderungen auf der Grundlage zweier Dissertationsprojekte und fragt nach den Differenzen, die diese hervorbringen. Andrea Bossen promovierte zu Neuen Leistungskulturen in neuen Lernkulturen am Beispiel der Portfolioarbeit. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Thorsten Merl promovierte zur Herstellung von Differenz im Unterricht inklusiver Schulklassen. Er vertritt derzeit eine Professur für Schulpädagogik an der Philipps-Universität Marburg. (EVT: 15.06.2022)
32:28 15.06.22
#6 Repolitisierung und gesellschaftstheoretische Fundierung der Inklusion!?
Die Inklusionsforschung muss wieder politischer werden! Eine gesellschaftstheoretische Fundierung der Inklusionspädagogik und -forschung ist nötig! Mit solchen Forderungen sehen sich Inklusionspädagogik und -forschung regelmäßig konfrontiert. Doch woher kommen diese Forderungen? Was ist mit ihnen gemeint? Welche Vorstellungen von Politik und Politischem verbinden sich mit ihnen? Welche Ideen von Gesellschaft und Gesellschaftstheorie? Und nicht zuletzt: was können Inklusionspädagogik und -forschung gewinnen, wenn sie diesen Forderungen nachkommen? Jens Geldner hat sich in seiner Dissertation mit dem Titel ‚Inklusion, das Politische und die Gesellschaft‘ systematisch mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Aus radikaldemokratischer Perspektive argumentiert er, dass wir nur dann sinnvoll von Inklusion sprechen können, wenn wir den Streit darum, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben oder leben wollen, offenhalten. Und wenn wir uns gleichzeitig stets darüber bewusst sind, dass jede Pädagogik eigene Schließungen produziert. Er arbeitet im Arbeitsbereich Allgemeine Inklusionspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. (EVT: 20.12.2021)
35:09 20.12.21
#5 Fragen von Dis/Ability im Feld der Sozialen Arbeit
Wie wird Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten gesellschaftlich diskutiert? Wie nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit die Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten wahr? Wie erfahren österreichische Mütter und Väter mit Lernschwierigkeiten Elternschaft? Rahel More untersuchte von 2017 bis 2021 für ihre Dissertation an der Universität Klagenfurt die Bedeutung von Zuschreibungen und Fremdwahrnehmungen für die Selbstverständnisse von Eltern mit Lernschwierigkeiten. Aktuell forscht und lehrt sie am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt. (EVT: 25.11.2021)
36:31 25.11.21
#4 Förderpädagogische Lehrkräfte in inklusiven Grundschulen
Was machen sonderpädagogische Lehrkräfte, wenn sie nicht mehr an Förderschulen, sondern an Regelschulen arbeiten? Das Forschungsprojekt FoLis (2018 bis 2021) hat untersucht, welche Aufgaben sonderpädagogische Lehrkräfte an inklusiven Schulen übernehmen und wie diese festgelegt werden. Ziel war es herauszufinden, auf welche Weise und unter welchen Rahmenbedingungen sich sonderpädagogische Lehrkräfte einbringen und welche Konsequenzen sich daraus perspektivisch für die sonderpädagogische Profession ergeben. Über die Ergebnisse der Studie sprechen Torsten Dietze von der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Lisa Wolf von der Technischen Universität Dortmund. (EVT: 01.09.2021)
22:58 30.09.21