Show cover of SchönerDenken

SchönerDenken

Der erste Eindruck - direkt nach dem Kino - in etwa 12 Minuten und spoilerfrei, versprochen. Das ist unser Kerngeschäft. Ansonsten echte Liebe für japanische Filme, eine Schwäche für Science-Fiction und ungebrochene Entdeckungslust für bekannte und unbekannte Klassiker.

Titel

Folge 1171: GLASS ONION - Ein neues Knives Out Mystery
Rian Johnson ist es gelungen mit KNIVES OUT das Agatha-Christie-Konzept ins 21. Jahrhundert zu übersetzen: clever, flott, witzig und eine tolle Bühne für starke Schauspieler:innen. Der zweite Teil, GLASS ONION, wiederholt das Konzept des ersten Teils: Der großartige Daniel Craig als Benoit Blanc, ein Verbrechen, alle Anwesenden mit Mordmotiv und Gelegenheit, diesmal sogar wie einst in DAS BÖSE UNTER SONNE auf einer Insel, abgeschnitten vom Rest der Welt. Statt aber die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen wie Kenneth Brannagh in seinen Agatha-Christie-Neuverfilmungen, gelingt es Rian Johnson, typische Figuren unserer Gegenwart aufzustellen und zu sezieren: ein Elon-Musk-ähnlicher Milliardär, ein Twitch-Influencer, kognitiv eingeschränkte Promis, Politiker auf dem Weg nach oben. Mit dem ersten Teil kann GLASS ONION nicht ganz mithalten, aber das ist immer noch exzellente Unterhaltung – ein wunderbarer Filmabend. Am Mikrofon direkt nach dem Film diskutieren Johanna, Harald, Tom und Thomas über Paul McCartneys Gitarre, über Kate Hudsons Blicke, über Zielgruppen und dritte Teile.
10:39 25.11.2022
Folge 1170: AMSTERDAM - Die beste Zeit unseres Lebens
Es gibt viele Gründe, die gegen den Film AMSTERDAM sprechen: die langen Dialoge, die auch das erklären, was man schon gesehen und verstanden hatte. Dazu die zusätzlichen Erklärungen durch die Off-Stimme des Erzählers und dass der Film zu oft gegen die Regel „Show. Don’t tell.“ verstößt. Es ist rätselhaft, warum der Film sich dennoch so gut anfühlt. Vielleicht liegt es am beeindruckenden Ensemble: Chris Rock, Anya Taylor-Joy, Zoe Saldana, Mike Myers, Michael Shannon, Timothy Olyphant, Taylor Swift, Matthias Schoenaerts, Alessandro Nivola, Rami Malek und Robert De Niro – und das sind nur die Nebenrollen. In den Hauptrollen: Christian Bale, Margot Robbie und John David Washington. Vielleicht liegt es auch an der Bildstimmung, die an Wes Anderson erinnert, vielleicht an den Gesangseinlagen der Veteranen. Man möchte den Film auf jeden Fall noch einmal schauen – und sich wieder zurücklehnen und lächeln.Dabei geht es im Film (nach einer wahren Begebenheit) um Leben und Tod: Zwei Soldaten und eine Krankenschwester freunden sich im Ersten Weltkrieg an, eine Freundschaft, die alle Gefahren überdauern wird. Sie helfen sich gegenseitig aus der Patsche und geraten dabei in eine riesige Verschwörung, die angesichts der aktuellen Politik in den Vereinigten Staaten erschreckend aktuell anmutet. Um zu verstehen, was das mit Glasaugen, Vogelbeobachtung und Sterilisierungen zu tun hat, sollte ins Kino gehen. Im Mainzer Programmkino Palatin dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Hendrik und Thomas.
11:06 18.11.2022
Folge 1169: DER HAUPTMANN - Vollmacht von ganz oben. Ganz oben.
Die monströsen Verbrechen im Dritten Reich aus der Täterperspektive zu zeigen, das war die Absicht von Robert Schwentke. Er erzählt die weitgehend wahre Geschichte eines Gefreiten, der fahnenflüchtig oder versprengt, hinter der Front in einem Koffer eine Hauptmannsuniform findet, sich als Offizier mit Befehl vom Führer persönlich ausgibt und im Chaos der letzten Kriegstage andere Soldaten unter sein Kommando bringt. Mit herrischem Auftreten verhindert er, dass er kontrolliert wird. Aber aus der Köpenickiade wird ein absurdes Abschlachten. Den falschen Hauptmann (Max Hubacher) verschlägt es in einer Sammellager von Gefangenen. Dort beginnt er willkürlich oder als Standgericht Gefangene zu erschießen oder erschießen zu lassen.Grotesk, erschreckend, erschütternd sind die Schwarzweissbilder von Robert Schwentke, dabei fast zu schön. Der Hauptmann wird immer sicherer und grausamer, seine Männer verlieren ihre Gewissensbisse, wenn sie welche hatten oder fallen in einen Blutrausch. Im Podcast direkt nach dem Film vor dem Kino diskutieren Bettina und Thomas, wie der Film geworden wäre, wenn Frederick Lau den falschen Hauptmann gespielt hätte, über Distanz durch Schwarzweiss, über die Illusion von Regeln und Ordnung und über die Enden des Films. Sie sind sich dabei sicher, dass sich die Verbrechen dieses selbsternannten Schnellgerichts unter ähnlichen Bedingungen wieder ereignen können. Zumindest in Deutschland.Gesehen haben wir den Film auf dem Filmfestival FILMZ in Mainz 2022 und spoilern ausnahmsweise.
16:30 15.11.2022
Folge 1168: BLACK PANTHER - WAKANDA FOREVER – Das Tabu von Tod und Trauer
Der tragische Tod von Chadwick Boseman hat eine große Karriere beendet, als sie gerade richtig angefangen hatte. Millionen Zuschauer hatten sich darauf gefreut, den so talentierten und so charismatischen Schauspieler in den nächsten Jahrzehnten in vielen Hauptrollen zu sehen. Auch Kevin Feiger und Ryan Coogler hatten mit ihm und Black Panther großes vor. Sie haben sich gegen eine Neubesetzung der Rolle entschieden und eine neue Geschichte konzipiert, eine Geschichte, wie es sie im Unterhaltungskino selten gibt, über Trauer, Wut, Verzweiflung, Rache, über den Tod und über den Versuch neu zu beginnen. Dabei zeigt der Film immer wieder eine Ernsthaftigkeit und eine Schwere in der Trauer um Back Panther/T’Challa, dass man den Eindruck hat, die Trauer um Chadwick Boseman ist in diesen Film eingeflossen. Das haben wir nicht erwartet. Und wir haben auch nicht erwartet, dass der Film sich so klar und unüberhörbar mit Kolonialismus und der politischen Realität der Ressourcenkriege auseinandersetzt. Wir haben nicht gerechnet mit der Leichtigkeit, mit der der Film zu 98 Prozent auf weiße Darsteller verzichtet oder damit, dass fast alle klugen und fast alle kämpfenden Charaktere schwarze Frauen sind. Es war verdammt an der Zeit. Repräsentation ist wichtig, so viel wichtiger als die meisten weißen Zuschauer denken, für die bisher fast alle Filme gemacht worden waren.Shuri, T’Challas Schwester, kann ihren Bruder nicht retten, der in den ersten Minuten des Films an einer unbekannten Krankheit stirbt. Während die Trauer Shuri (Letitita Wright) und Königin Ramonda (phänomenal: Angela Bassett) belastet, versuchen alle Staaten an das Vibranium zu kommen und hoffen, dass Wakanda ohne den Schutz des Black Panther sich nicht wehren kann. Aber die eigentliche Gefahr kommt aus dem Meer und das wollen wir hier nicht spoilern. Im Podcast direkt nach dem Film versuchen Johanna, Tom und Thomas sich zu erklären, warum der Film so gelungen ist und so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat – obwohl eigentlich einige Dinge gar nicht gehen: Ein Held hat alberne Flügelchen am Fuß wie eine Hermes-Parodie, die Songs sind eine Ethnowellnesszumutung (aber der Score ist super!) und wer zur Hölle ist auf die Idee gekommen, „Wakanda Forever“ ins Deutsche am besten mit „Wakanda über alles!“ zu übersetzen? Aber das alles macht dem Film nichts aus. Das ist so gutes Kino, wie ein Mainstreamsuperheldenunterhaltungsfilm es nur sein kann.
14:01 13.11.2022
Folge 1167: CRIMES OF THE FUTURE - Ins eigene Fleisch geschnitten
Ohne Zweifel ein schöner, visuell kraftvoller Film mit einem großartigen Score von Howard Shore und beeindruckenden Schauspielern. Aber es ist völlig unklar, was uns Cronenberg sagen will mit seinem Film über eine Welt ohne Schmerzen und Infektionen, eine Welt, in der Operationen der neue Sex sind. Ohne eine Figur, die eine Brücke in diese Welt bietet, bleibt der Film kühl und distanziert: Mord einer Mutter an ihrem eigenen Kind bildet den Auftakt, ein Verbrechen, das in der in der Welt des Films wenig Aufregung verursacht. Was bedeutet die Selbstverstümmelung, was bedeuten die Mutationen? Ist ein Plastik essendes Kind eine Botschaft über unsere eigene plastikverseuchte Welt? Viele Fragen, wenig Relevanz. Diese Bodyhorror-Perle wirkte auf uns direkt nach dem Film wie aus der Zeit gefallen, schön, aber ohne Bedeutung. Am Mikrofon direkt nach dem Kino mit dem ersten Eindruck: Kathrin, Hendrik, Tom und Thomas.
17:58 03.11.2022
Folge 1166: BLACK ADAM - Eine filmische Abrissbirne
Warum? Warum haben wir uns diesen Film angetan? Wir hätten es besser wissen müssen. Wir und DC, das wird nichts mehr. Dwayne The Rock Johnson hat über Jahre viel investiert, um diese Rolle zu übernehmen. Aber das ganze Drehbuch ist ein einziger dramaturgischer Auffahrunfall: Die ersten 10 Minuten sind sterbenslangweiliges „Tell Don’t Show“. Black Adam lag 4.600 Jahre begraben. Mit dem Zauberwort Shazam wird er wieder mit seinen Superkräften ausgestattet. Dann taucht die „Justice Society“ auf, mit einer Parodietruppe (ich kann es nicht anders nennen), die Black Adam unter Kontrolle bringen will. Motivation der Figuren? Charakter? Entwicklung? Fehlanzeige. Die wenigen Pointen sind eher lauwarm und oft auffallend schlecht gesetzt. Lediglich Sarah Shahis Figur einer resoluten Professorin, die den Superhelden die Leviten liest, kann überzeugen. An den Darsteller:innen (Dwayne Johnson, Pierce Brosnan, Sarah Shahi, Djimon Hounsou, Viola Davis, Henry Cavill) hat es nicht gelegen. Es wird einen weiteren BLACK ADAM geben. Er kann nicht schlechter werden. Aber vielleicht begräbt man die Idee auch besser wieder für die nächsten 4.600 Jahre. Im Podcast brauchen Tom, Peter und Thomas nur wenige Minuten für diesen Film.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBlack AdamUSA 2022, 125 Min., Regie: Jaume Collet-Serra
06:20 28.10.2022
Folge 1165: SOLARIS - Der Mensch braucht nur den Menschen
Wir suchen da draußen im Kosmos intelligente Außerirdische, einen zweiten Planeten – oder Gott. Aber wir werden uns nur selbst finden – und wenn wir eine fremde Intelligenz finden, werden wir sie nicht verstehen. Stattdessen wird sie uns spiegeln, unsere innersten Ängste, unsere Erinnerungen aus uns herausholen. Genau das beschreibt Stanislaw Lem in seinem Roman SOLARIS und Tarkovsky in seiner Verfilmung 1972: Die Männer aus der Station werden mit Verkörperungen ihres Unterbewussten konfrontiert, Doppelgänger, die nur wissen, was in der Erinnerung lag, Doppelgänger, die leben und atmen und unsterblich sind. „Gäste“ nennen die Wissenschaftler sie. Der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis) wird auf die Station geschickt, um zu entscheiden, was zu tun ist. Aber es geht ihm wie den anderen Männern. Aus seiner Erinnerung taucht seine ehemalige Freundin Hari auf, die sich nach der Trennung getötet hatte. Jetzt will Kris es besser machen, aber Hari ist genauso verzweifelt wie in seiner Erinnerung …Direkt nach dem Film reden Johanna (die den Film zum ersten Mal gesehen hat) und Thomas über lange Kameraeinstellungen und noch längere Straßen in Akasaka (Tokio), über Kleider, die man aufschneiden muss, über männliche Perspektiven und die Verarbeitung gescheiterter Beziehungen, über verdichtete philosophische Gespräche (wo ist Daniel Brockmeier, wenn man ihn braucht?), beeindruckendes Raumstationsdesign, noch beeindruckenderes Kostümdesign und Foreshadowing durch Orgelmusik. Gesehen haben wir den Film in der digital restaurierten Fassung im russischen Original mit deutschen Untertiteln im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.
23:23 24.10.2022
Folge 1164: BOHNENSTANGE - Keine Heilung
Zwei Frauen in Leningrad haben den Krieg überlebt, eine als Soldatin, eine als Krankenschwester – beide sind versehrt und tragen mehr oder weniger sichtbare Narben. Ija, dünn und sehr groß (daher der Spitzname Bohnenstange), kümmert sich um den kleinen Sohn ihrer Freundin Mascha. Aber sie ist überfordert und erst spät versteht man als Zuschauer ihre Anfälle und ihre Krankheit. Auch die, die den Krieg überlebt haben, sterben, nicht für jeden gibt es eine Zukunft. Und manchmal ist der Tod gnädiger als das Leben. Maschas Kind stirbt und Ija soll ein neues Kind für Mascha auf die Welt bringen. Das soll die beiden traumatisierten Frauen aus ihrer Verzweiflung herausführen und alles heilen. Wir wissen aber, dass es keine Heilung gibt. Regisseur Kantemir Balagow findet für diese düstere Geschichte überraschend farbenfrohe Bilder oder zeigt einmal nur Stiefel statt Menschen, um uns nicht mit Gesichtern abzulenken. Starke Regie und wirklich beeindruckende Darstellerinnen, vor allem Wiktoria Miroschnitschenko als Bohnenstange Ija und Wassilissa Perelygina als ihre Freundin Mascha. Im Podcast direkt nach dem Film reden Johanna und Thomas über toxische Beziehungen, bekleidete Sexszenen und nackte Frauen, stilles Leid und Inzidenzmusik. Gesehen haben wir den Film im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanBohnenstange (Dylda)R 2019, 137 Min., Regie: Kantemir Balagow
17:30 21.10.2022
Folge 1163: TAUSEND ZEILEN - zu schön, um wahr zu sein
Es war klar, dass Michael Bully Herbig nicht der geeignetste Regisseur ist, um aus dem Skandal um Claas Relotius einen hochwertigen Thriller wie SHATTERED GLASS oder SPOTLIGHT zu erschaffen. Aber es ist dann doch erschreckend, wie leicht und seicht Bully hier eine harmlose Familienkomödie um einen der größten Journalistenskandale der letzten 50 Jahre bastelt. Worum geht es? Juan Romero (aka Juan Moreno) arbeitet mit dem preisgekrönten Überfliegerreporter Lars Bogenius (aka Claas Relotius) und stellt fest, dass an Bogenius Geschichte etwas nicht stimmt. Er recherchiert und stößt auf ein riesiges Lügengebäude. Aber die Chefs der Chronik (aka Der Spiegel) wollen nicht auf ihn hören. Also gräbt Romero tiefer …Herbig verzichtet auf den Thrill der Geschichte – die potentielle Spannung der schrittweisen Enthüllung wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich Herbig auf die zum Teil gelungene Ebene der Familienkomödie. Auch das Niveau von SCHTONK als Mediensatire oder der kluge Witz der Komödien von Adam McKay werden überhaupt nicht erreicht. Im Podcast direkt nach dem Film grübelt Bettina über die Hintergründe von Claas Relotius und die Schuldfrage nach und erinnert an den Skandal um LOVE MOBIL. Thomas bleibt hartleibig: Für Relotius/Bogenius gibt es keine Entschuldigung – nicht zu lügen ist die Kernkompetenz, die Grundvoraussetzung für die Arbeit als Journalist:in. Was im Film wahr ist und was für den Film erfunden worden ist, bleibt dann auch noch völlig unklar. Danke an Bettina und Johanna, die im strömenden Regen vor dem Palatin ausgeharrt haben – alles für den Podcast!Hier findet Ihr alle unsere Podcast-Episoden über JournalistenfilmeLese- und Hörtipp: Der Blog und Podcast Journalistenfilme.de von Patrick TormaText und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanTausend ZeilenD 2022, 93 Min., Regie: Michael Bully Herbig
19:28 17.10.2022
Folge 1162: DON'T WORRY DARLING - Die eigene Welt erschaffen
Es ist ein Traum von einer Welt: die 1950er Jahre – Alice und Jack leben in der Victory-Siedlung in der Wüste, luxuriös, perfekt, aber abgeschieden vom Rest der Welt. Die Männer dürfen nicht über ihren Job reden, die Frauen kümmern sich gefügig um Haushalt und Kinder, drinken Cocktails mit den Nachbarinnen und führen ein sorgloses Leben. Eigene Entscheidungen aber können sie nicht treffen. Alice fällt auf, dass etwas nicht stimmt in dieser Welt. Als ihre Freundin Margaret paranoid wird, fängt sie an zu zweifeln … Als Zuschauer kann man sich einen Spaß daraus machen, die vielen Vorbilder und Zitate in diesem dystopischen aber bunten Science-Fiction zu finden: THE STEPFORD WIVES, TRUMAN SHOW oder WELT AM DRAHT. Olivia Wilde nutzt die Twisttechnik von M. Night Shyamalan und erschafft eine wunderschöne Welt, deren Bedrohlichkeit immer stärker spürbar wird. Der Kopf des Victory-Projects ist Frank – offenbar inspiriert vom umstrittenen Psychologen Jordan Peterson – sehr beeindruckend gespielt von Chris Pine. Die Szenen zwischen Chris Pine und Florence Pugh gehören zu den Highlights des Films. Im Podcast direkt nach dem Film gehen die Meinungen auseinander: Sind die Rollenbilder von Frauen und Männern nicht zu simpel? Sind die Träume der Männer tatsächlich so primitiv? Fehlt das „Geheimnis“? Fast alle der Üblichen Verdächtigen empfinden den Film als langatmig oder sogar langweilig und vermissen Substanz und Relevanz. Thomas ist als einziger überzeugt vom Film – er lobt die Atmosphäre der Bedrohung, die Bildkraft und das gebremste Erzähltempo. Für ihn ist die simple und höchst reaktionäre Welt von Victory ein feuchter Traum der US-Republikaner und hoch aktuell. Hört selbst. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Katharina, Johanna, Tom und Thomas.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenDon’t Worry DarlingUSA 2022, 123 Min., Regie: Olivia Wilde
12:32 15.10.2022
Folge 1161: SOY CUBA - Ein wiederentdecktes Meisterwerk – featuring Tom (filmsucht.org)
Für einen ganz besonderen Film braucht man einen besonderen Gast: SOY CUBA bespricht Thomas mit Tom Schünemann, der kluge Kopf hinter filmsucht.org – eines der informativsten und schönsten deutschsprachigen Filmblogs. Tom kannte SOY CUBA bereits, für Thomas war es eine Neuentdeckung, als ein Ausschnitt der legendären Plansequenz auf Twitter gepostet wurde. Anderthalb Stunden haben wir uns Zeit genommen, um uns dem lange Zeit vergessenenen Meisterwerk SOY CUBA anzunähern, einem sowjetischen Propagandafilm über die Vorgeschichte der kubanischen Revolution, gedreht direkt nach der Revolution. Die Sowjetunion schickte mit dem Regisseur Michail Kalatosov und dem Kameramann Sergei Urussewski die besten ihrer Zunft nach Kuba, ausgestattet mit Geld und umfangreicher Ausrüstung, die als Förderung der kubanischen Filmkultur dort blieb. Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten für den Film, der weder bei den Russen noch den Kubanern gut ankam – den Russen war er zu naiv, den Kubanern nicht positiv genug auf Kubas Zukunft ausgerichtet. Und so verschwand der Film, um erst Anfang der 1990er Jahre wieder aufzutauchen. Scorsese und Coppola waren begeistert und entschlossen sich, eine Neuveröffentlichung zu produzieren.Das Besondere an SOY CUBA ist seine visionäre Bildsprache und bahnbrechende Kameraarbeit: Kalatosov und Urussewski nutzen viele verschiedene filmische Mittel, um die immersive und emotionale Wirkung der Bilder zu verstärken. Den tiefsten Eindruck hinterlässt eine atemberaubende Plansequenz, die den Trauerzug für einen ermordeten Studenten zeigt. Die Kamera startet am Sarg, mitten unter den Menschen und löst sich dann, fliegt langsam schwerelos nach oben, zeigt immer mehr eine beeindruckende Totale hoch über der Straße, fliegt über die Menschen, verlässt ohne Schnitt den Trauerzug, schwebt durch eine Fabrik, durch ein Fenster wieder hinaus und wieder über den Trauerzug. Als Zuschauer bleibt einem der Mund offen stehen. Im Podcast sprechen Tom und Thomas über die Kameras und die einfallsreiche Technik, die dafür eingesetzt worden ist. Sie sprechen unter anderem über die vier Akte, die vier unterschiedlichen Protagonisten folgen, über Propaganda, Eisenstein, über die kubanische Geschichte, über die Dreharbeiten und die Produzentin Bela Fridman, über rauschhafte Tanzszenen, gefährliche Matrosen, Spartakus-Momente und erklären, warum Regisseur Kalatosov von den Kubanern das „sibirische Mammut“ genannt wurde.Toms Filmkritik findet Ihr hier auf filmsucht.org.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenTrigon-Films (Link zur DVD)Musik von Johannes KlanSoy Cuba (Ich bin Kuba)Kuba 1964, 135 Min., Regie: Michael Kalatosov
91:51 09.10.2022
Folge 1160: VESPER - Überleben nach dem Ende der Welt
In der nahen Zukunft wird die Menschheit versuchen gegen ökologische Katastrophen synthetische Biologie einzusetzen – die biogenetischen Maßnahmen scheitern vollständig. Alle Tiere, fast alle essbaren Pflanzen werden ausgelöscht, stattdessen entstehen feindliche, giftige Pflanzen. Die wenigen verbliebenen Menschen kämpfen ums Überleben. Im Mittelpunkt des Films steht das Mädchen Vesper (Raffiella Chapman), sie versucht die biosynthetischen Veränderungen zu verstehen und versucht ihren todkranken Vater zu beschützen. Dabei hält sie Abstand zum grimmigen Anführer Jonas (Eddie Marsan) und verheimlicht vor ihm, dass sie ein Mädchen (Rosy McEwen) gefunden hat, das aus der Zitadelle kommt, wo Menschen über Technik und Wohlstand verfügen. Die Zitadelle tauscht mit den Menschen „draußen“ sterilisiertes Saatgut gegen Blutkonserven …Der litauische Near-Future-Science-Fiction ist ebenso erschreckend realistisch in seiner Saatgut-Prognose wie in seiner Darstellung der menschlichen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der wirtschaftlichen und öffentlichen Ordnung: Über Technologie verfügende Gruppen werden sich isolieren von den Menschen, die den katastrophalen Lebensbedingungen ungeschützt ausgeliefert sein werden. Dabei beweist der Film einen enormen Erfindungsreichtum und beeindruckende Gestaltungskraft: Die neuen Pflanzen sind ebenso furchterregend wie wunderschön, sie leuchten, beißen, streicheln und saugen den Menschen das Blut aus. Noch schlimmer aber ist der Kampf der Menschen untereinander, der Verlust von Moral und Menschlichkeit. Dabei deutet der Film auch sexuelle Gewalt an. Direkt nach dem Kino (wir haben den Film OmeU im Palatin gesehen) sind Johanna und Thomas sehr beeindruckt und empfehlen dieses düsteren, meisterhaften Science-Fiction-Film aus Litauen.Die schlechte Tonqualität bitten wir zu entschuldigen - wir waren ohne unsere übliche Ausrüstung unterwegs.WICHTIG: Wir haben VESPER im Programmkino Capitol&Palatin in Mainz gesehen, sehr viele SchönerDenken-Episoden zu anspruchsvolleren Filmen sind vor diesem Programmkino aufgezeichnet worden. Dieses Kino ist die Grundlage der Kinokultur in Mainz: Das Programm ist hervorragend kuratiert – besondere Filme aus vielen unterschiedlichen Genres und Nationen, immer wieder auch in Originalsprache, dazu viele Veranstaltungen. Dem Programmkino Capitol&Palatin droht durch ein Gebäudekauf durch ein großes Immobilienunternehmen die Schließung. Mehr Informationen gibt es hier und hier. Eine Petition zum Erhalt dieses wichtigen Kinos gibt es hier. Bitte unterstützen!Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanVesperLitauen 2022, 114 Min., Regie: Kristina Buozyte und Bruno Samper
13:44 07.10.2022
Folge 1159: SALARYMAN (Nippon Connection 2022) feat. Lucas Barwenczik (Longtake)
Ein Blick von außen auf Japan und seine Büroangestellten, die Salarymen: Die costa-ricanische Künstlerin und Fotografin Allegra Pacheco stolpert im wahrsten Sinne des Wortes über die Angestellten, die in ihren Businessanzügen auf dem Bürgersteig schlafen, weil sie betrunken die letzte Bahn nach Hause verpasst. Im Debütfilm erklärt sie sich selbst und uns diese Welt und kommt den Menschen als blonde Fremde erstaunlich nah. Die Salarymen werden sichtbar zwischen Samuraiselbstbild, Loyalität, Überforderung, Alkoholismus, Enttäuschung und Entfremdung von ihren eigenen Familien. Lucas hat da einen sehr kritischen Blick und vermisst die Intensität und den Anspruch von SALESMAN von Albert und David Maysles und Charlotte Zwerin von 1969. Thomas sieht den Film eher als visuell anspruchsvolle Reportage, der es gelingt den Status Quo darzustellen und eine sehr gute Einführung in das Thema bietet, auch wenn daraus keine These folgt. Ein versöhnliches Streitgespräch direkt nach dem Film.
27:05 05.10.2022
Folge 1158: STAR TREK II DER ZORN DES KHAN – Khaaaaaaaaaaan!
STAR TREK II: DER ZORN DES KHAN in einer Sonder-Wiederaufführung auf der großen Leinwand! Der Zorn des Khan das Star Trek-Franchise gerettet – sagt Tom, und damit hat er wohl recht. Nach dem anstrengenden und nicht so recht geglückten STAR TREK THE MOTION PICTURE war STAR TREK II DER ZORN DES KHAN wieder ganz nah bei der Serie und auch ursprünglich als Fernsehproduktion geplant. Der Film greift mit Khan einen der interessantesten Star Trek-Bösewichte wieder auf: Khan. Ricardo Montalban übernahm erneut die Rolle des genetisch optimierten Übermenschen, der noch eine Rechnung mit Kirk offen hat und so kommt es zwischen Khan und Kirk zum Duell der größten Egos im ganzen Alphaquadranten. Leider wurde bei der Wiederaufführung der Directors Cut gezeigt, der uns viel länger vorkam als die zusätzlichen vier Minuten. Im Podcast direkt nach dem Film reden Hendrik, Tom und Thomas über gesammelte Kinokarten und den Kinobesuch 1982, über den Hardcorekommunisten Spock, Matte Paintings, den Mutara-Nebel, Western und Over Acting.
15:02 27.09.2022
Folge 1157: TENET - Die Trümmer des kommenden Krieges
Christopher Nolan ist bekannt dafür, dass seine Filme einer klaren Struktur folgen wie die Ergebnisse einer mathematischen Formel. Das führt zu spannenden Resultaten, über die viel diskutiert und gestritten wird. Bei Interstellar hat Thomas sogar mit sich selbst gestritten, siehe hier und hier. Bei TENET geht Nolan besonders konsequent vor: Er nimmt das Genre und die Regeln des großen Agentenfilms als Spielfeld und lässt darauf seine Schachfiguren, vor allem den „Protagonisten“, Zug für Zug um den Sieg kämpfen. Aber Nolan spielt natürlich 3-D-Schach, oder besser 4-D-Schach in TENET, denn er bringt eine neue Spielregel mit, die unseren Verstand herausfordert: Was wäre, wenn wir unter bestimmten Bedingungen nicht an die Linearität der Zeit gebunden wären. Und wie würden Geheimagenten damit umgehen?TENET gelingt eine hochspannende Fusion aus SF und Agentenfilm, die auch dank seiner herausragenden Schauspieler:innen John David Washington, Robert Pattinson und Elizabeth Debicki. Washington und Pattinson zeigen die Professionalität, Coolness und die Empathie ihrer Helden und Elisabeth Debicki bringt eine starke, emotionale Ebene. Direkt nach dem Heimkino sprechen Hendrik und Thomas im Podcast über ihren ersten Eindruck und Tom über seinen dritten Eindruck – und Hendrik erklärt, warum der Film TENET heißt und der Antagonist Sator.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild: © 2020 Warner Bros. Home EntertainmentTenetUSA 2020, 150 Min., Buch und Regie: Christopher Nolan
14:36 04.09.2022
Folge 1156: GLÜCKSRAD (Nippon Connection 2022) feat. Fang Yi, Kinomensch und Andras
Regisseur Ryusuke Hamaguchi hat mit DRIVE MY CAR seinen endgültigen internationalen Durchbruch geschafft. Auf DEM japanischen Filmfestival, Nippon Connection in Frankfurt am Main, haben wir in diesem Jahr seinen Episodenfilm GLÜCKSRAD – noch unter dem Titel WHEEL OF FORTUNE AND FANTASY – sehen können. In den drei kammerspielartigen Episoden geht es um Liebe, um Täuschung und um das Aussprechen von Wahrheiten. In jeder Episode steht eine Frau im Mittelpunkt: Eine Frau wird mit der neuen Frau des Ex konfrontiert – eine Frau konfrontiert einen Schriftsteller mit dessen eigener literarischer Erotik, eine Frau findet eine alte Liebe wieder, findet sie nicht, findet sie doch … Wir waren alle direkt nach dem Film sehr berührt und beeindruckt und finden ganz unterschiedliche Worte dafür. Am Mikrofon mit dem frischen, allerersten Eindruck: Fang Yi, Kinomensch Lucas, Andras und Thomas. Wir bitten die zwischen auftretenden Tonstörungen durch die starken Windböen zu entschuldigen.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild: © 2022 Film Kino TextGlücksrad (Gozen to sozo / Wheel of Fortune and Fantasy)Japan 2021, 121 Min., Buch und Regie: Ryusuke Hamaguchi
15:45 01.09.2022
Folge 1155: PREY - Unterschätze nie die Jägerin
Die Komantschin Naru will sich als Jägerin bewähren. Dafür muss sie sich aber nicht nur gegen die männlichen Jäger durchsetzen, die sie nicht ernst nehmen, sondern auch einen Initationsritus durchstehen: Die Jagd auf ein Raubtier. Doch statt eines Pumas oder schlimmer noch eines Bären, muss sich Naru eines übermächtigen Jägers erwehren, der aus dem All gekommen ist, um Trophäen zu sammeln. Der Predator weiß zu kämpfen, aber Naru weiß zu überleben …Die Selbstverständlichkeit, mit der die Komantschin Naru einfach nur eine junge Frau ist, die zu ihren eigenen Bedingungen erwachsen werden will, ist beeindruckend. Keine Prinzessin, nicht vom Schicksal auserwählt oder durch magische Kräfte gedopt, nein, Naru ist einfach nur klug und fit, sie ist gut vorbereitet, sie schaut genau hin, schätzt die neue Gefahr vor allen anderen richtig ein, behält die Nerven und kämpft trotzig und einfallsreich ums Überleben. Ellen Ripley und Naru – sie hätten sich gut verstanden. Naru ist eine Heldin, mit der man sich gerne identifiziert – großartig verkörpert von Amber Midthunder, die Lakota-Wurzeln hat.Der Film selbst ist mit seinen 92 Minuten Nettolaufzeit geradlinig erzählt und zitiert gerade im richtigen Maß John McTiernans Film von 1987. Regisseur Trachtenberg baut die Spannung geschickt auf – auch unterstützt von Sarah Schachner sehr gutem Score und den unerwartet schönen, manchmal sehr ruhigen Bildern von Jeff Cutter (Kamera). Direkt nach dem Heimkino sprechen Tom, Harald und Thomas über ihren fast ausnahmslos sehr positiven, ersten Eindruck von PREY.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild © 2022 Walt Disney Studios All Rights ReservedMusik von Johannes KlanPreyUSA, 2022, 100 Min., Regie: Dan Trachtenberg
09:13 28.08.2022
Folge 1154: TARGET (Nippon Connection 2022) feat. Patrick Torma (journalistenfilme.de)
In Japan findet Geschichtsrevisionismus statt. Ein Kriegsverbrechen wird seit vielen Jahren von der rechtskonservativen Regierung Japans verharmlost und tabuisiert: die Vergewaltigung, Folterung und Tötung tausender Mädchen und jungen Frauen in den von Japan im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten, vor allem in Korea. Berichterstattung über die so genannten „Comfort Women“ wird unterdrückt.Das ist der Hintergrund des Dokumentarfilms TARGET von Shinji Nishijima. Rechtskonservative regierungsnahe Gruppen greifen den Journalisten Takashi Uemura an, weil er 1991, also vor zwanzig Jahren, über die Comfort Women und die Zeugenaussage einer überlebenden „Trostfrau“, der Koreanerin Kim Hask-sun, geschrieben hatte. Seine Artikel werden als erfunden und erlogen angeprangert, er wird öffentlich angegriffen, seine Hochschule, an der er Professor war, lässt ihn fallen: Die Hokusei Gakuen University in Sapporo bittet Uemura um Kündigung. Es gibt Morddrohungen gegen Takashi Uemura. Der Film zeigt seine Versuche, gegen die Beschuldigungen zu klagen.Thomas hat sich für dieses düstere und komplexe Thema kompetente Unterstützung geholt und begrüßt als Gast den filmbegeisterten Journalisten Patrick Torma. Patrick ist nicht nur ein großartiger Gesprächspartner sondern vor allem auch der Gründer des bekannten und extrem lesenswerten Blogs und hörenswerten Podcasts journalistenfilme.de. Mit ihm diskutiert Thomas u.a. darüber, ob die Vorwürfe gegen Takashi Uemura und die Zeitung Asahi Shimbun berechtigt sind und inwiefern der Dokumentarfilmer Shinji Nishijima bei der Begleitung von Uemura unabsichtlich den Geschichtsrevisionisten in die Falle geht und die eigentliche Geschichte – nämlich das Kriegsverbrechen an den Comfort Women – fast aus dem Blick verliert.Mehr Informationen zum Film und zum ThemaReview des Films von Hayley Scanlon in “Windows on Worlds”Patrick Torma: “Japan und die “Trostfrauen”: Target (Doku, 2021)”Oliver Bechmann: Ein Schrein und Sex-Sklavinnen (Frankfurter Rundschau)Kathrin Erdmann: Japan sollte sich richtig entschuldigen (Deutschlandfunk Kultur)Hier unsere Podcastfolge zum Film THE JOURNALIST über die kritische Journalistin Isoko Mochizuki.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild: © Document AsiaTargetJapan 2021, 99 Min., Regie: Shinji Nishijima
24:18 27.08.2022
1153: NOPE - I will make a spectacle of you
Jordan Peele hat sein Ziel erreicht. Er hat sich als Markenzeichen etabliert und er steht für hochwertig produzierte, doppelbödige Horrorfilme. Nach GET OUT und US war also schon klar, welches Genre auf uns zukommt und der Trailer zeigte bereits eine Art UFO, das besonders gefährlich ist, wenn man hinschaut. Vordergründig erzählt Peele eine spannende Geschichte aus dem Genre Creature-Horror. Für den Pferdetrainer OJ (Daniel Kaluuya) geht es darum, den Tod seines Vaters zu rächen und darum will er verstehen, was wirklich geschieht. Seine temperamentvolle Schwester Em (Keke Palmer) sieht auch die Chance auf Ruhm und Reichtum. Also muss der Gegner nicht nur besiegt, sondern auch auf Film gebannt werden.Parallel zu dieser spannenden Handlung zeigt uns Jordan Peele das tragische Ende einer Sitcom, in der ein Schimpanse Menschen angreift und nur den Jungen verschont, der ihn nicht anschaut. Damit öffnet Peele die Tür zu weiteren Ebenen seines Films. Es geht um unsere Gier nach Unterhaltung und Spektakel, um die einzig wahre Währung Aufmerksamkeit, aber auch um Rassismus, darum vor dem weißen (!) Monster, das sich als Herrscher des Tals fühlt, besser die Augen zu senken – ein Monster, das die bunten (!) Fahnen wieder ausspuckt. Direkt nach dem Film loben Johanna, Hendrik, Harald und Thomas die Spannung und versuchen sich einen ersten Reim auf Jordan Peeles neuen Film zu machen.Unseren ersten Eindruck von Jordan Peeles GET OUT könnt Ihr Euch hier anhören.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanNOPEUSA, 2022, 130 Min., Regie: Jordan Peele
14:27 23.08.2022
Folge 1152: BULLET TRAIN - Genau nach Fahrplan
Ein Auftragskiller bekommt wie gewünscht einen sehr leichten Auftrag: Einfach einen Koffer aus dem Zug von Tokyo nach Kyoto stehlen. Aber so einfach ist es nicht für den Killer mit dem schönen Codenamen „Ladybug“ (Marienkäfer): Der ganze Zug ist voller Freaks, die an sein Leben und an den Koffer wollen. Die Frage lautet: Ist Ladybug (großartig: Brad Pitt) ein Pechvogel oder ein Glückspilz?Zugegeben: Den Shinkansen und einige japanische Darsteller nutzt der Film nur als exotische Kulisse. Und der Spaß an der expliziten Gewalt erinnert manchmal an Tarantino. Aber jeder Pathos wird mit traumwandlerischer Sicherheit aufgelöst, die Gewalt transzendiert ins Cartoonhafte und nicht jeder, der stirbt, ist auch tot. Etwas Straffung hätte dem Film bestimmt gut getan, aber dennoch ist aller sehr unterhaltsam. Im Podcast direkt nach dem Film ist Tom not amused, Gabriele dagegen sehr. Desweiteren am Mikrofon: Peter, Harald und Thomas.
07:04 13.08.2022
Folge 1151: THOR: LOVE AND THUNDER – „Eat My Hammer!“
Thor ist in einer Midlife-Crisis: In der Meditation langweilt er sich, bei den Guardians redet er viel von Team, rettet den Tag aber alleine. Nichts passt für ihn zusammen, bis der Götterschlächter Gorr auftaucht (großartig: Christian Bale), ein Mann, der in seinem Rachedurst Gewalt über Schattenmonster gewonnen hat. Im Kampf gegen Gorr ist Thor nicht allein, er kämpft zu seiner bleibenden Irritation mit „Mighty Thor“ und unter diesem Helm steckt: Dr. Jane Foster. Während in der ersten Hälfte Komik angesagt ist, wird es in der zweiten Hälfte düsterer. Auch Taika Waititi hat im gefühlt zweihundertsten MCU-Film einige Mühe, irgendwie das Rad neu zu erfinden. Thomas hatte dennoch großen Spaß und hat sich weggeworfen beim weißen Röckchen von Zeus, Peter war auch weitgehend zufrieden. Und der Rest der Üblichen Verdächtigen? Aber so gar nicht. Im vergnüglichen und meinungsstarken Podcast direkt nach dem Kino am Mikrofon: Gabriele, Johanna, Peter, Harald, Tom und Thomas.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild © Walt Disney Motion Pictures 2022Musik von Johannes KlanThor: Love and ThunderUSA, 2022, 119 Min., Regie: Taika Waititi
08:03 09.08.2022
Folge 1150: MEN - Wir Männer sind die Monster
Regisseur Alex Garland rechnet mit seinen Geschlechtsgenossen ab: In MEN befreit sich Harper Marlowe (großartig: Jessie Buckley) aus ihrer abusiven Beziehung und Ehe. Ihr vor der Trennung stehende Ehemann James schlägt sie, entwendet ihr Smartphone und stürzt vor ihren Augen in den Tod – es bleibt offen, ob er sich umbringen wollte oder einfach beim Versuch bei ihr einzubrechen abgestürzt ist. Harper flieht aufs Land – aber sie nimmt das Trauma mit und das, was die patriarchale Gesellschaft den Frauen in dieser Situation mitgibt: Hättest Du nicht mehr Verständnis haben müssen? Wenn Du nicht auf die Trennung bestanden hättest, würde Dein Mann noch leben. Du trägst Schuld.Ihr Trauma projeziert sich in jeden Mann, denn sie in ihrem Rückzugsort auf dem Land trifft: Jeder Mann sieht irgendwie gleich aus: Der kauzige, zu Beginn sehr freundliche Vermieter, der verständnislose Polizist, der trotzige, aggressive Junge, der lüsterne Priester und ein rätselhafter, nackter Waldmann – alle sehen aus wie Rory Kinnear. Und über kurz oder lang werden sie alle zu einer tödlichen Bedrohung für Harper, zu einer sich selbst wiedergebärenden Monstermaschine. Vor der Leinwand weiß man nicht, was einen mehr erschreckt: die egomanische Selbstgerechtigkeit des toxischen Ehemannes, die ekelerregende Lüsternheit des Pfarrers, der alle Frauen als verführende Huren beschimpft, oder der kalte Sadismus des Jungen.Alex Garland verzichtet auf jede Subtilität: Wir Männer sind alle gleich, wir unterscheiden uns nur in Art und Ausmaß der Bedrohung – das ist die Botschaft, die er mit der Wucht eines Vorschlaghammers an unsere Tür nagelt. Dabei ist die Mischung aus fast schon poetischen Bildern, Beziehungsdiskussionen, wohlgesetzten Schockelementen und blutigem Horror einzigartig. Als männlicher Zuschauer flüchtet man sich in die Gewissheit, selbst kein Täter und kein Monster zu sein. Aber wir Männer können selbst überhaupt nicht beurteilen, ob wir vielleicht nicht doch durch Rücksichtslosigkeit, durch Anstarren, durch passiv-aggressiven Druck, durch die Verweigerung von Care-Arbeit, emotionale Erpressung oder das Ausnutzen männlicher Privilegien doch Täter und eine Bedrohung sind.Im Podcast direkt nach dem Kino sieht Johanna schon relativ klar, Thomas ist noch lange nicht sortiert und Tom hat es früh schon aus der Kurve getragen.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild © Koch Films 2022Musik von Johannes KlanMenUK, 2022, 100 Min., Regie: Alex Garland
11:37 08.08.2022
Folge 1149: TOP GUN MAVERICK - Very Great Balls Of Fire In The Danger Zone
TOP GUN: Das steht für übertriebenen Pathos, für eine selbstverliebte Männlichkeit, für Nationalstolz, kerosinhaltige Kriegsbegeisterung und Rekrutierungsbüros vor amerikanischen Kinos. Für dämliche Dialoge, Klischee und Kitsch. Aber auch für die verboten traumschönen Bilder von Tony Scott, für gute Schauspieler und für einen unvergesslichen Soundtrack. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass TOP GUN zurückkehren würde. Und vor allem hätte ich nicht gedacht, dass das Sequel gelingen könnte, dass TOP GUN MAVERICK ein guter Film werden könnte. Das Rezept: Die guten Elemente übernehmen: Tony Scotts Inszenierung wird von Joseph Kosinski liebevoll kopiert und imitiert, die Bilder sind fantastisch. Dazu Rückblenden zu Anthony Edwards am Klavier. Und dann die verkackten Elemente weglassen: Vor allem die super-dämlichen Dialoge. Aus dem jungen narzisstischen spätpubertierenden Pilotenarschloch, der Frauen bis in die Damentoilette verfolgt und belästigt, ist ein alter Flugverrückter geworden, der Frauen anständig behandelt (charismatisch: Jennifer Connelly!) und darum kämpft, dass die jungen Piloten, die ihm anvertraut wurden, überleben. Dazu eine emotionale Vater-Sohn-Geschichte, die Rückkehr von Iceman. Dann nur noch Tom Cruise ins Cockpit setzen und „Highway to the Danger Zone“ voll aufdrehen und schon läuft der Film rund. Wir hätten es nicht gedacht. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Kino: Gabriele, Harald, Tom und Thomas.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild © Paramount 2022Musik von Johannes KlanTop Gun MaverickUSA, 2022, 130 Min., Regie: Joseph Kosinski
14:45 02.08.2022
Folge 1148: DR. STRANGE IN THE MULTIVERSE OF MADNESS – Es passiert zu viel und es geschieht zu wenig
Nachdem wir SPIDER-MAN: NO WAY HOME nachgeholt hatten, ging es ins Kino, um DR. STRANGE IN THE MULTIVERSE OF MADNESS zu sehen. Regie: Sam Raimi. Das versprach klassische Horrorelemente, die es mitunter auch gab, aber Sam Raimi hat dem Film nur stellenweise seinen Stempel aufgedrückt. Insgesamt ist es ein typischer Vertreter der aktuellen MCU-Phase: Viel Handlung, viele Figuren, viele Zusammenhänge, viele Anspielungen, vielleicht alles etwas viel für einen Film. Der wie immer charismatische Benedict Cumberbatch darf gleich mehrere Versionen des Dr. Strange spielen, denn es öffnen sich die Tore zwischen den Multiversen.America Chavez, eine sympathische junge Dame, kann Portale öffnen und nutzt diese Fähigkeit, um vor einem Monster zu fliehen, dass der Dr. Strange unserer Welt aufhalten kann. Dr. Strange wendet sich an Wanda Maximoff, bzw. Scarlet Witch und es entspannt sich ein dramatischer Ablauf um das Zauberbuch Darkhold, um Wandas Kinder Tommy und Billy, um die Zauberburg Kamar-Taj, Wong und Traumwandeln, um Baron Mordo und sein Sanctum Sanctorum, um Polykarbonat-Gefängnisse, um Christine Palmer und die Illuminati (Captain Carter, Black Bolt, der König der Inhumans, Captain Marvel alias Maria Rambeau, Reed Richards alias Mister Fantastic und Professor Charles Xavier). Was das mit dem Buch von Vishanti, dem Zaubertempel auf dem Berg von Wundagore und der Zombieversion von Strange aus Erde 838 zu tun hat, wird im Film erklärt, Man muss nur genau aufpassen. Vor allem auf die Mid-Credit-Szene mit der mysteriösen Frau namens „Clea“.Im Podcast direkt nach dem Film versuchen Tom und Tom das unübersichtliche Überangebot zu sortieren. Und eines wird klar, auch die sehr guten Elemente des Films leiden massiv darunter, dass es noch 417 andere Elemente gibt. Das Ergebnis: cineastisches Sodbrennen. Der sehenswertere Multiversumsfilm ist dann doch EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE. (Wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit bis die Daniels einen MCU-Film angeboten bekommen.)Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Bild © Sony Pictures Entertainment DeutschlandMusik von Johannes KlanDr. Strange in the Multiverse of MadnessUSA, 2022, 126 Min., Regie: Sam Raimi
12:23 05.07.2022
Folge 1147: SPIDER-MAN: NO WAY HOME - Wer bin ich und wenn ja wieviele?
Ein wesentliches Element für die meisten Superhelden ist ihre geheime Identität. Das Rätsel, wer dahinter steckt, macht sie erst attraktiv. (Es sei denn, man ist ein stinkreicher Unternehmer und Playboy und outet sich mit kindlicher Freude als Iron Man). Für Peter Parker ist es eine Katastrophe, als Spider-Man enttarnt zu sein. Und das inszeniert der Film in den ersten zwanzig Minuten temporeich und witzig. Peter Parker weiß sich nicht mehr anders zu helfen – er sucht Hilfe bei Dr. Strange. Der ist arrogant genug zu glauben, er könne das Raumzeitmultiversendingsbums manipulieren, ohne dass sich die Grenzen der Welten öffnen und Spiderman es mit allen Bösewichtern gleichzeitig aufnehmen muss. Aber Spider-Man ist nicht alleine – und besonders sein unerwartetes Team haben Tom und Tom viel Spaß gemacht. Die beiden haben sich den Film im Wohnzimmer auf die Wand gebeamt und hatten einen sehr vergnügten Abend.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)Bild © Sony Pictures Entertainment DeutschlandMusik von Johannes KlanSpider-Man: No Way HomeUSA, 2021, 148 Min., Regie: Jon Watts
11:21 25.06.2022
Folge 1146: ONE OF THESE DAYS - Die Kinder des Kapitalismus
Kyle (Joe Cole) ist einer der Verlierer, er arbeitet hart, wenn er einen Job findet, seine Freundin ebenso. Aber sie kommen im texanischen Nirgendwo kaum über die Runden. Als sein alter Wagen den Geist aufgibt, schämt er sich zu sehr, um es zuzugeben. Ein Mann, der sich noch nicht einmal ein Auto leisten kann? Der Kapitalismus lässt seine Kinder vielleicht verhungern, aber er hat immer eine trügerische Hoffnung im Angebot: Ein Autohändler verschenkt einen nagelneuen Pickup an den Mann oder die Frau, die am längsten ununterbrochen die Hand am Auto halten kann – ohne Schlafpausen. Es kommen diejenigen, die keine andere Chance mehr sehen, es kommen diejenigen, die eine ganze glückliche Zukunft in dieses Auto projezieren. Und während die Armen und Verzweifelten Tag und Nacht am Auto stehen, sind sie die Attraktion für die Schaulustigen, die diese Demütigung (noch) nicht nötig haben. Oft gibt es gar keine Zuschauer, außer ihrer Betreuerin Joan (Carrie Preston). Das sind dann die dunkelsten und einsamsten Momente. Regisseur Bastian Günther inszeniert dieses Kammerspiel rund um den Pickup in intensiven Einstellungen, wir sind den Menschen und ihrer Traurigkeit sehr nah. Und am Ende beginnt der Film für ganz besondere 20 Minuten noch einmal von vorne …Johanna und Thomas haben den Film im CAPITOL gesehen – in Anwesenheit des Regisseurs Bastian Günther, der erklärte, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht und erinnerte das Publikum an den Film „They shoot horses, don’t they?“ von Sydney Pollack (1969), der einen Tanzmarathon zeigt, bei dem das letzte noch tanzende Paar gewinnt – auch hier eine Demütigung und Entwürdigung der Hoffnungslosen, eine Entmenschlichung und Degradierung zur Attraktion. Günther zeigte sich glücklich darüber, dass Robert Altman den Stoff dann doch nicht – wie ursprünglich beabsichtigt – verfilmt hat. Günther, der auch das Drehbuch geschrieben hat, ging im Gespräch auch auf die Szene ein, in der Kyle von der Polizei als potentieller Krimineller eingestuft wird, nur weil er zu Fuß unterwegs ist – einem Teammitglied war es während der Dreharbeiten tatsächlich passiert. Durch die Pandemie war der Start des Filmes auf dem Sundance-Festival 2020 kurzfristig abgesagt worden. Jetzt ist er in die Kinos gekommen. Als Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk, dem Saarländischen Rundfunk und ARTE wird der Film später in den Fernsehsendern der ARD, auf ARTE und in der ARD Mediathek zu sehen sein. Direkt nach dem Film sprechen Johanna und Thomas vor dem CAPITOL über die düstere Stimmung, die beeindruckende Inszenierung der Autos, lens flares, Autofriedhöfe und sprechende Pickups und sind sich einig: ONE OF THESE DAYS ist sehr ernst und sehr, sehr sehenswert.WICHTIG: Wir haben ONE OF THESE DAYS im Programmkino Capitol&Palatin in Mainz gesehen, sehr viele SchönerDenken-Episoden zu anspruchsvolleren Filmen sind vor diesem Programmkino aufgezeichnet worden. Dieses Kino ist die Grundlage der Kinokultur in Mainz: Das Programm ist hervorragend kuratiert – besondere Filme aus vielen unterschiedlichen Genres und Nationen, immer wieder auch in Originalsprache, dazu viele Veranstaltungen. Dem Programmkino Capitol&Palatin droht durch ein Gebäudekauf durch ein großes Immobilienunternehmen die Schließung. Mehr Informationen gibt es hier und hier. Eine Petition zum Erhalt dieses wichtigen Kinos gibt es hier. Bitte unterstützen!Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)Bild: Filmszene aus ONE OF THESE DAYS © Weltkino 2020Musik von Johannes KlanOne Of These DaysD, 2020, 121 Min., Buch und Regie: Bastian Günther
10:58 18.06.2022
Folge 1145: BELLE (Nippon Connection 2022) feat. Helena, Malte (SneakyMonday) und Steffen (Vilmferrückt)
Mamoru Hosoda hat sich viel vorgenommen: Ein Coming-of-Age-Film über Suzu, die ihre Mutter verloren hat, ein Film über Faszination und Gefahren eines virtuellen Metaversums (hier heißt es „U“) und ein Film über das vielschichtige Motiv eines hübschen Mädchen und einem gefährlichen Mann, der seine Identität hinter einer Maske verbirgt (Die Schöne und das Biest). Nicht überraschend ist die kunsthandwerkliche Perfektion – aber der Einfallsreichtum und die so noch nicht gesehene bunte Bildermacht in der Darstellung der virtuellen Welt ist einfach umwerfend.Aber die besondere Qualität liegt in den nachvollziehbaren Charakteren, zu denen wir in zwei Stunden Film eine Beziehung aufbauen. Dabei spielen schwierige Themen wie die Identität in einer virtuellen Welt, die Gefahren der Social Media-Kommunikation und vor allem Gewalt gegen Kinder eine Rolle. Die Botschaft lautet am Ende: Das in einer virtuellen Welt gewonnene Selbstvertrauen kann helfen, die Herausforderungen im realen Leben zu bestehen. Im Podcast sind Helena und Malte von Sneaky Monday mit Thomas einig: Ein großartiger Film. Steffen von Vilmferrückt stellt kritische Fragen.
11:42 11.06.2022
Folge 1144: LET ME HEAR IT BAREFOOT (Nippon Connection 2022) feat. DieMelanie und Andras
Man wünscht sich, dass die sehr talentierte Regisseurin Riho Kudo einfach ihren sehr guten Szenen und Bildern vertrauen würde. Aber sie dehnt und wiederholt die Elemente, bis der eigentliche Film dahinter verschwindet. Im Zentrum stehen zwei junge Männer, die sich zueinander hingezogen fühlen. Aber sie haben nicht den Mut, sich ihre Liebe einzugestehen und auszuleben. Stattdessen flüchten sie sich in Raufereien und Kämpfe, um sich zu spüren und nahe zu sein. Ein großartiges Bild, wenn es nicht bis zum Überdruss gedehnt und wiederholt würde. Im Podcast trauern DieMelanie, Andras und Thomas einer robusten Schnittfassung nach.
05:21 28.05.2022
Folge 1143: MY BROTHER, THE ANDROID AND ME (Nippon Connection 2022) feat. Lucas, Malte und Andras
MY BROTHER, THE ANDROID AND ME kombiniert viele Versatzstücke des Gothic-Horror-Genres: Das Frankensteinmotiv, neues Leben zu erschaffen, das Doppelgängermotiv der phantastischen Literatur, das Spukhaus, das Labor, der verrückte Wissenschaftler …Kaoru ist hochbegabt und soll an der Universität nicht nur lehren sondern auch Roboter für den Straßenbau entwickeln. Stattdessen arbeitet er daran, eine Androidenkopie von ihm selbst zu erstellen – vielleicht in der Hoffnung, sich dann selbst aus dem Leben zurückziehen zu können. Immer wieder versagt ihm dabei das rechte Bein seinen Dienst, als wäre es eine defekte Prothese. In Wirklichkeit leidet Kaoru an einer Wahrnehmungsstörung: Er ist überzeugt, dass sein Bein ein Fremdkörper ist und will es loswerden. Aus der einst florierenden Privatklinik seines Vaters wird bei Kaoru ein Horrorhaus mit Labor.Junji Sakamoto setzt diese Geschichte mit sicherem Stilgefühl um: Es regnet unablässig, der großgewachsene Kaoru in dunklem Regenmantel mit Kapuze wirkt selbst wie Frankensteins Monster, selbst das Radfahren wirkt gruselig. Im Podcast direkt nach dem Film weht nach Mitternacht ein scharfer Wind (den man auf der Aufnahme etwas hören kann). Lucas (Longtake), Malte (Sneaky Monday) Andras und Thomas sprechen über die dichte Atmosphäre, über Musik und das Verlorensein des Protagonisten und des Zuschauers.
08:31 28.05.2022
Folge 1142: ANY CRYBABIES AROUND? (Nippon Connection 2022) feat. DieMelanie und Malte
Ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung? Tasuku ist überfordert, seine Freundin hat gerade ein Mädchen zur Welt gebracht und der Verantwortung scheint er nicht gewachsen zu sein. Als er sich dann auch noch beim örtlichen Maskenkult vor laufenden Kameras bis auf die Knochen blamiert, haut er ab nach Tokio. In Takuma Satos Film lernt der Protagonist aber wenig dazu und das prägt auch seine Rückkehr nach mehr als zwei Jahren … Im Podcast reden DieMelanie, Malte und Thomas übers Erwachsenwerden und über Bräuche, die niemand braucht. Nach dem Spoileralarm beschreibt Malte das durchaus spannende Ende des Films.
05:07 26.05.2022