Show cover of SchönerDenken FilmPodcast

SchönerDenken FilmPodcast

Der erste Eindruck - direkt nach dem Kino - in etwa 12 Minuten und spoilerfrei, versprochen. Das ist unser Kerngeschäft. Ansonsten echte Liebe für japanische Filme, eine Schwäche für Science-Fiction und ungebrochene Entdeckungslust für bekannte und unbekannte Klassiker.

Titel

Folge 1301: FLY ME TO THE MOON - Mit angezogener Handbremse Richtung Mond
Das Rezept für diesen Sommerfilm: Romantische Komödie, ein bisschen Geheimdienst und Verschwörung, ein bisschen Hochstapler-Charme und eine starke Frauenrolle – dazu ein bisschen Nostalgie mit der Mondlandung 1969. Und geht das Rezept auf? Jein. Scarlett Johansson (auch Produzentin) ist großartig als Marketingwirbelwind, der die NASA auf Vordermann bringen soll. Aber ihre Screwball-Sätze kommen nicht so richtig zurück von Channing Tatum. Er ist zwar sympathisch aber hier glatt eine Fehlbesetzung. Denn zu einem Screwballduell gehören immer zwei temperamentvolle Partner – wie einst Katherine Hepburn und Spencer Tracy. Ursprünglich war Chris Evans für diese Rolle vorgesehen und das wäre in der Tat ein ganz anderer Film geworden. FLY ME TO THE MOON hätte grundsätzlich auch ein flotteres Pacing gut getan, kürzere Schnitte, schnellere Pointen. Immerhin als leichte Kinosommerunterhaltung mit dem Schatz an der Seite geeignet, finde ich. Im Podcast direkt nach dem Film sind meine Gäste Heidi, Hendrik und Tom kritischer.
07:41 21.07.24
Jubiläumsfolge 1300: Filmpodcasterfilmbloggerfrühstück auf Nippon Connection 2024
In unserer Jubiläumsfolge (eintausenddreihundert Folgen, yeah!) feiern wir das immer wieder so schöne Wiedersehen mit filmbegeisterten Freunden, dazu gibt es Erdbeeren, Croissants, Kaffee und entspannte Diskussionen über die Filme, die wir schon gesehen haben – das ist die Tradition beim Frühstück der Filmpodcaster und Filmblogger, offen für alle, die dabei sein wollen. 2024 waren dabei: Karoline aka DieMelanie, Daniel Haberkorn vom Altstadtkino, Malte und Helena von Sneaky Monday, Claudia, Steffi von Miss Booleana, die Abspanngucker René und Marcel, Kaidan, Andras, Jan Lukas und natürlich Thomas von SchönerDenken.Wie immer reden wir vor allem über alle Filme, die wir bis dahin schon auf dem Festival gesehen hatten und die Meinungen gehen weit auseinander :-) Wir diskutieren unter anderem über 18×2 Beyond Youthful Days, Best Wishes to All, The J-Horror-Virus, Dreaming in between, Takano Tofu, Kubi, Wheel of Fortune and Fantasy, Yoko, Ichiko, September 1923, Inch Forward, Visitors – Complete Edition, Fly me To The Saitama 2 und Making Of A Japanese. Großer Dank an an alle, die dabei waren und an Nippon Connection für die Organisation und den schönen Raum!Shownotes00:00 Begrüßung00:38 Daniel Haberkorn, Altstadtkino04:15 Marcel, Abspanngucker05:41 René, Abspanngucker06:40 Claudia07:15 Steffi, Miss Booleana09:43 Kaidan13:06 Malte, Sneaky Monday14:57 Helena, Sneaky Monday16:53 Jan Lukas, Berlitz von Mandelbrot20:17 Andras22:06 Karoline aka DieMelanie24:33 Thomas, SchönerDenken26:07 Danke an Nippon Connection und Verabschiedung26:32 EndeHier alle Filmpodcasterfilmbloggerfrühstücke der vergangenen Jahre.
26:33 20.07.24
Folge 1299: Kazuyoshi Kumakiri YOKO feat. Sven und Daniel (NipponConnection2024)
Der letzte Film, den wir 2024 auf Nippon Connection gesehen haben: Wir hatten hohe Erwartungen – und wurden nicht enttäuscht. Die Titelfigur Yoko (großartig gespielt von Rinko Kikuchi) ist Anfang 40. Ihre Träume sind geplatzt, sie lebt zurückgezogen, geht nicht mehr aus dem Haus, eine Hikikomori. Der Tod ihres Vaters reisst sie aus ihrer Lethargie, sie muss sich auf den Weg machen zur Beerdigung, 658 Kilometer nach Norden. YOKO ist ein Roadmovie wie ein Entwicklungsroman, Schicksalsschläge, katastrophale und wunderbare Begegnungen verändern Yoko. Immer wieder erscheint geisterhaft aus ihren Erinnerungen ihr Vater, den sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat. YOKO ist ein beeindruckendes Drama, ein düsterer Film über Entfremdung und über den Weg zurück in die Familie. Kazuyoshi Kumakiri erinnert uns mit YOKO daran, dass wir alle nur zwei bis drei Fehlentscheidungen vom Scheitern entfernt sind. Im Podcast direkt nach dem Film habe ich Sven von Alle Videospiele und Daniel vom Altstadtkino zu Gast. Wir sprechen über eine Beichte ohne Zuhörer, über Monster, denen man als Anhalterin begegnet und fragen uns, ob wir diesen sehr guten aber auch sehr belastenden Film noch einmal sehen können. YOKO war das erhoffte Festivalhighlight und ein toller Ausklang am letzten Tag für mich.
09:47 14.07.24
Folge 1298: Keisuke Yoshida MISSING feat. Andras und Daniel (NipponConnection2024)
Ein Kind wird vermisst, es verschwindet am einzigen Abend, an dem die junge Mutter nicht da ist. Zur Angst, dass das Kind tot sein könnte, kommt ein Shitstorm – erst gegen die Mutter, dann gegen den Onkel des vermissten Mädchens, der hätte aufpassen sollen. Dazu Prank-Anrufe, man hätte Hinweise auf den Aufenthalt des Mädchens oder gefakte Anrufe der Polizei, das Kind sein gefunden worden – mehr als die Familie ertragen kann. Eine große Rolle spielen im berührenden Drama MISSING aber auch die Journalist:innen eines TV-Senders, die die Geschichte für TV-Quote und Onlinerankings ausschlachten. Regisseur Keisuke Yoshida schaut dabei sehr genau hin und zeigt uns authentisch die Diskussionen in den Redaktionen und das grausame Abhängigkeitsverhältnis der Angehören zu den Medien. Denn ohne die Berichterstattung sinkt die Chance, das Mädchen zu finden. Auf vielen Ebenen ein sehr kluger, sehr beeindruckender Film – und sollte Pflichtprogramm für Journalist:innen sein. Direkt nach dem Film auf Nippon Connection habe ich Daniel vom Filmpodcast Altstadtkino und Andras am Mikrofon. Von Keisuke Yoshida haben wir 2022 den beeindruckenden INTOLERANCE gesehen, in dem die Medien und ihr Umgang mit einem Familiendrama auch eine Rolle spielen. Hier unser Podcast zu INTOLERANCE mit Patrick Torma von journalistenfilme.de.
10:40 13.07.24
Folge 1297: Junichi Inoue HIJACKED YOUTH – DARE TO STOP US 2 feat. Helena und Malte (NipponConnection2024)
Folge 1297 – Eine ziemlich wahre Geschichte über den cholerischen Regisseur und Produzent Koji Wakamatsu, über einen unermüdlich-optimistischen Kino-Manager, einen Nachwuchsfilmemacher und eine Studentin. Für alle, die sich mit der japanischen Filmszene der 1980er Jahre auskennen ein großes Fest, für alle anderen nicht immer leicht zugänglich: Es hieß zwar, man muss den ersten DARE TO STOP US nicht gesehen haben, aber ohne Hintergrund werden einige Schwächen des Films deutlich: Zum einen hat der Film das Problem, dass er sich nicht zu weit von der Realität entfernen darf, auch wenn es dramaturgisch sinnvoll wäre. Und der Film etabliert gleich vier Hauptfiguren und verliert zwischendurch etwas den Fokus, zumal verschiedene spannende Nebenfiguren einfach wieder aus der Handlung verschwinden.Aber bei allen Schwächen ist es ein sehenswertes Portrait eines wichtigen Kapitels der japanischen Filmgeschichte. Wir kommen den Figuren sehr nah – der junge Nachwuchsfilmer kostet uns als Regie-Assistent bei Koji Wakamatsu wirklich Nerven und der Kino-Manager hat unsere Herzen erobert. Im Podcast direkt nach dem Film habe ich Helena und Malte vom Frankfurter Filmpodcast Sneaky Monday zu Gast – wir reden über das berührende Ende, über die Stadt Naguya, über Pinku-Filme und Malte schlägt dringend einen dritten Teil vor, der vor allem auf die Filmstudentin eingehen sollte. P.S. Mir ist erst später klar geworden, dass ich den ersten Teil tatsächlich 2019 auf Nippon Connection gesehen hatte.
14:20 11.07.24
Folge 1296: Shinji Araki PENALTY LOOP feat. Daniel, Rene und Andras (NipponConnection2024)
PENALTY LOOP ist ein Zeitschleifenfilm mit Rache-Motiv. Bei diesem Genre hat man das Gefühl, man hätte bereits alles gesehen. Also stellt sich die Frage: Gibt es neue Ansätze, gibt es neue Ideen? Hier ist das Besondere: (ACHTUNG SPOILER!) Nicht nur der Rächer, sondern auch das Opfer seiner Rache wissen, dass sie in einer Zeitschleife hängen und das führt dazu, dass die beiden ungewollt eine eigenartige Beziehung eingehen. Im Podcast reden wir über den starken Darsteller des Auftragskillers, den sehr gelungenen Tonschnitt, um den Loop zu definieren und die sehr gut ausgesuchten Locations. Im letzten Drittel bringt der Film einen überraschenden Twist, der nicht alle überzeugt. Am Mikrofon habe ich als Gäste direkt nach dem Film: Daniel vom Altstadtkino, Rene von den Abspannguckern und Andras. Am Ende der Folge habe ich nach den Lieblingszeitschleifenfilm gefragt – folgende Filme wurden genannt: GROUNDHOG DAY, LIVE DIE REPEAT (aka EDGE OF TOMORROW aka ALL YOU NEED IS KILL), PALM SPRINGS und HAPPY DEATHDAY. Und als Mentions: BOSS LEVEL und ENDLESS EIGHT.
10:53 10.07.24
Folge 1295: Hayato Kawai SECRET: A HIDDEN SCORE feat. Rene, Marcel und Andras (NipponConnection2024)
Tragische Romanzen sind nicht mein Genre, andererseits wollte ich unbedingt die Hauptdarstellerin sehen: Kotone Furukawa. Ihr Charisma trägt diesen Film, bei dem schnell klar ist, wohin die romantische Reise geht: Die schöne junge Frau ist krank, da ist ein junger Mann, eine tragische Liebe … SECRET: A HIDDEN SCORE geht dabei keinem Klischee aus dem Weg. Grundsätzlich ist der Film genau das, was er sein will: Ein Herzschmerztränendrücker mit schönen Menschen und schöner Mode. Im Podcast gehen wir unterschiedlich hart mit diesem Genrefilm ins Gericht. Andras erinnert sich daran, dass er das taiwanesische Original von 2007 gesehen hat, weiß aber nicht mehr, ob der ursprüngliche Film auch schon so schmalzig war. Aber es ist gibt auch eine positive (weibliche) Stimme zu dieser japanischen Romanze, trotz der Klischees und der Vorhersehbarkeit. Am Mikrofon habe ich direkt nach dem Film: Rene und Marcel von den Abspannguckern, Andras und eine junge Dame, deren Name ich leider vergessen habe.
08:34 09.07.24
Folge 1294: Kahori Higashi BELONGING (NipponConnection2024)
Folge 1294 – In BELONGING (Toritsukushima) schlüpfen Verstorbene in Gegenstände, die Ihnen etwas bedeuten, um in der Nähe ihrer Lieben bleiben zu können. Eine junge Frau zum Beispiel wechselt nach ihrem Unfalltod in eine Tasse, die ihr und ihrem Mann besonders wichtig war. Aus der Tassenperspektive erlebt sie, wie das Leben für den jungen Witwer weiter geht. Die Vorstellung, dass Dinge belebt sind, ist der japanischen Kultur sicher näher als unserer, aber die Idee ist auch für uns berührend. Regisseurin Kahori Higashi hat mit BELONGING einen Roman ihrer eigenen Mutter verfilmt.So ganz glücklich sind wir aber direkt nach der Vorführung nicht mit diesem Episodenfilm. Das liegt auch daran, dass die stärkste Episode gleich den Anfang macht, dort ist die Bindung an die Protagonisten am stärksten. Insgesamt schwankt der Film in seiner Intensität, bleibt unentschieden im Tonfall. Im Podcast direkt nach dem Film fragen wir uns, ob BELONGING zu wohlfühlig für das ernste Thema ist? Oder ob er tröstlich ist und wir sind einfach nicht das richtige Publikum? Und wir erinnern uns (nach vielen Jahren) an einen anderen Episodenfilm, den wir auf Nippon Connection gesehen haben und der uns nachhaltig beeindruckt hat: SKETCHES OF KAITAN CITY. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Hendrik und Thomas.
08:19 09.07.24
Folge 1293: Appleton/Sharp THE J-HORROR-VIRUS feat. Daniel Haberkorn (NipponConnection2024)
Diese Dokumentation von Sarah Appleton und Jasper Sharp hatte ich mir im Programm von Nippon Connection 2024 ausgesucht, weil ich mich kaum mit J-Horror auskenne. Für mich bestand J-Horror aus langen schwarzen Haaren und weißbleicher Haut. Ich hatte Fragen und der Film hat viele beantwortet: Woher kommen die J-Horror-Filme? Mit welchen Filmen begann es? Was ist eigentlich ein J-Horror-Film und was nicht? Und welche Wirkung hatten diese Filme? Was erschreckt die Japaner und was erschreckt die Amerikaner?Fast alle wichtigen Regisseure des klassischen J-Horrors kommen zu Wort, Ausschnitte aus kaum zugänglichen Filmen wurden gezeigt. Ein enormer Rechercheaufwand muss in J-HORROR-VIRUS stecken. Für die Hardcore-Fans des Genres ist vielleicht nicht viel Neues dabei, für alle anderen gibt es eine Menge Augenöffner und eine solide filmgeschichtliche Einordnung. Im Podcast direkt nach dem Film im Frankfurter Regen habe ich Daniel vom Filmpodcast Altstadtkino am Mikrofon. Wir reden über unvollendete Menschen, über Vorläufer in den 1950er Jahren und viel über CURE von Kiyoshi Kurosawa (obwohl dieser Film gar kein J-Horror im engeren Sinne ist).
09:39 08.07.24
Folge 1292: Yuchun Su INCH FORWARD feat. Daniel Haberkorn (NipponConnection2024)
Der Film beginnt mit dem Blick auf die Zuschauer, die ein Kino betreten, sich ihre Plätze suchen. Und soviel können wir vorwegnehmen: Der Film endet auch damit, dass wir eben diese Zuschauer nach dem Film sehen, wie sie das Kino wieder verlassen (oder aufgeweckt werden müssen). Den Film, den die Zuschauer sehen, sehen wir nicht. Aber wir sehen, wie der Film entsteht: Eine Independent-Regisseurin hat genaue Vorstellungen, aber die kleine Produktion muss das schmale Budget einhalten, es müssen die richtigen Schauspieler gefunden werden, es gibt unendlich viele kleine und große Probleme und unendlich viele Entscheidungen zu treffen. Sich zu entscheiden – das ist die Achillesferse der jungen Regisseurin. Dazu kommen noch private Verwicklungen. Wir lernen: Filmemachen ist wie das Leben: Es geht ständig etwas schief, man muss Entscheidungen treffen ob man will oder nicht, man hofft, man verzweifelt und irgendwie geht es dann doch. Im Podcast direkt nach dem Film reden wir über die sehr gute Hauptdarstellerin Nairu Yamamoto, über den Meta-Charakter dieses Films im Film und mutmaßen die Bedeutung des Filmtitels. Am Mikrofon vor dem Kinosaal: Daniel Haberkorn vom Filmpodcast Altstadtkino, Hendrik und Thomas.
09:00 07.07.24
Folge 1291: Shojiro Nishimi PHOENIX REMINISCENCE OF FLOWER feat. Rene und Marcel (NipponConnection2024)
Der Film ist ein Zusammenschnitt der Serie PHOENIX in Spielfilmlänge und spannt einen weiten Bogen über mehr als tausend Jahre von einer Auswanderergeschichte auf den unwirtlichen Planeten Eden, über Begegnungen mit Außerirdischen bis zum düsteren Schicksal der Erde – und der Menschheit. Dabei springt der Film nicht nur in der Handlung sondern auch zwischen Erwachsenenfilm und Kinderfilm. Unser Feedback ist gemischt. Thomas hat direkt nach dem Kino Rene und Marcel von den Abspannguckern und Hendrik am Mikrofon.
07:09 24.06.24
Folge 1290: FURIOSA - Unerwartet intensiv, unerwartet gut
FURIOSA ist hart, alptraumhaft, eine hoffnungslose Sicht auf eine toxische Männerwelt, die nur Vernichtung kennt. Es ist aber nicht die Härte, die uns so mitgenommen hat, sondern die Erkenntnis, dass FURIOSA bei aller Überspitzung die Menschen und vor allem die Männer so zeigt, wie sie sind, wie wir sind. Es fühlte sich nicht an wie eine groteske Dystopie sondern wie ein Blick in die Zukunft. Furiosa, das Mädchen, das aus dem Paradies vertrieben wurde, lernt in dieser toxischen Testosteron-Benzin-Wahnsinnswelt zu überleben – ihre Entwicklungsgeschichte ist in fünf Kapiteln klassisch aufgebaut.Die Actionszenen sind wieder überragend. Weniger Cirque du Soleil-Action wie in FURY ROAD, stattdessen härter, schmutziger, geradliniger und immer nachvollziehbar. Herausragend das erste Kapitel mit Furiosas Mutter: der Goldstandard für ernstzunehmendes Action-Kino. Anya Taylor-Joy überzeugt als taffe Frau, die sich durchsetzt, auch Chris Hemsworth und Tom Burke als Pretorian Jack (Wie sehr kann man wie Stacy Keach aussehen ohne Stacy Keach zu sein?) Fazit: Unerwartet intensiv und unerwartet gut. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Johanna und Thomas.
12:34 19.06.24
Folge 1289: GONDOLA - Schelmisch-verliebte Entschleunigung
Eine einzige gute Idee reicht völlig aus, wenn es die richtige Idee ist: Zwei Gondeln einer Seilbahn, die über ein abgelegenes Tal in Georgien fahren und sich in der Mitte treffen, zwei junge Gondelführerinnen (bezaubernd: Mathilde Irrmann und Nino Soselia), die sich bei ihren kurzen Begegnungen in luftiger Höhe erst grüßen, dann beeindrucken wollen und dann immer intensiver miteinander flirten. Und man kann sagen, dass die ganze Angelegenheit immer weiter eskaliert 🙂 Den verliebten Frauen fällt immer noch etwas Verrückteres, etwas Berührenderes ein. Ein wunderbarer Film von Veit Helmer, romantisch, schelmisch, poetisch, der ganz ohne Worte auskommt und sein einfaches und geniales Motiv immer wieder wiederholt und abwandelt – Goldbergs Variationen als Liebeskomödie, sagt Katharina. Wir waren sehr begeistert. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Cinemayence: Katharina, Hendrik und Thomas.
06:31 12.06.24
Folge 1288 - Akihiro Toda ICHIKO feat. Johannes (NipponConnection2024)
Ichiko ringt um die eigene Identität: Als Kind wurde sie nicht registriert, für die Behörden existiert sie nicht. Das bedeutet, sie braucht eine falsche Identität, um auf die Schule gehen zu können. Eine falsche Identität verhindert später eine Krankenversicherung. Sie muss ständig lügen – einfach nur um zu überleben. Wie kommt Ichiko heraus aus diesem Dilemma? Als ihr Leben besser zu werden scheint, holt sie ihre tragische Vergangenheit ein. ICHIKO von Akihiro Toda ist ein atmosphärischer, sommerhitzeflirrender Psychothriller, der sich nicht auf Stereotypen und Klisches einlässt, gleichzeitig ein klassisches Sozialdrama. Am Ende fragen wir uns: Wer ist Opfer, wer ist Täter, wer ist beides. Thomas hat direkt nach dem Kino Johannes und Hendrik am Mikrofon.
08:09 08.06.24
Folge 1287: Ema Ryan Yamazaki THE MAKING OF A JAPANESE feat. Andras (NipponConnection2024)
Wer einmal in Japan war, fragt sich, warum dieses Land in so vielen Bereichen besser funktioniert, warum die Straßen sauber sind, warum die Züge auf die Sekunde genau fahren und auf den Zentimeter genau halten. Woher kommt die Disziplin und die Rücksichtnahme? Die Erziehung durch die Eltern spielt bestimmt eine große Rolle, noch größer wahrscheinlich ist die Bedeutung der ersten sechs Schuljahre. In der Grundschule werden aus Menschen Japaner – sozusagen. Ema Ryan Yamazaki hat ein Jahr lang in einer japanischen Grundschule gedreht und hat aus 700 Stunden Material eine wunderbare Dokumentation gemacht, die uns einen tiefen Einblick gibt. Wir sehen, wie die Kinder früh mit kleinen und immer größer werdenden Verantwortungen betraut werden, wie sie ständig ermahnt werden, aber auch sehr viel Anleitung und Aufmerksamkeit bekommen – und wie schon in der ersten Klasse die Schüler anfangen sich gegenseitig zu kontrollieren. Wir sehen, wie viele Lehrer:innen mit den Kindern mitleiden und wie streng andere sind. Und spätestens, wenn es Noten für das millimetergenaue Platzieren der Straßenschuhe gibt, bekommen wir eine Ahnung, woher die japanische Präzision kommt – und wie hoch der Leistungsdruck ist. Sehr beeindruckende Doku, der wir dringend einen deutschen Verleih wünschen. Thomas hat direkt nach dem Kino Andras am Mikrofon.
07:59 03.06.24
Folge 1286: Ryo Ushimaru QUALIA feat. Christian/Get Your Genki (NipponConnection2024)
Es ist eine kleine Bühne, auf der QUALIA spielt – eine Hühnerfarm, Yuko, ihr Mann, ihre Schwägerin, ein Helfer. Aber es sind die großen Fragen, die hier verhandelt werden: Tod und Geburt, Verantwortung für anvertrautes Leben, Schuld und die Frage, wie man die Welt wahrnimmt. Alle halten Yuko für dumm, für zurückgeblieben, die Entscheidungen treffen andere, ihr Mann zum Beispiel, aber vor allem die resolute Schwägerin, die alles zusammenhält. Der Ton ist rauh und alles kommt aus dem labilen Gleichgewicht, als die schwangere Geliebte des Ehemannes auf den Hof zieht. QUALIA ist ein sehr kluger Film, der in einer kleinen Welt von der Befindlichkeit des Menschen erzählt und am Ende von einer Emanzipation. Vielleicht der beste Film des Festivals Nippon Connection 2024, von dem Bilder im Kopf bleiben werden: die Schwägerin bei der Jagd, Yukos Blick auf die Eheringe … Thomas hat direkt nach dem Kino Christian von Get Your Genki am Mikrofon – mit einem begeisterten ersten Eindruck.
08:03 03.06.24
Folge 1285: Kaz I Kiriya FROM THE END OF THE WORLD feat. Rene, Marcel und Andras (NipponConnection2024)
Kaz I Kiriya hat sich als Regisseur sehr viel vorgenommen: Einen Coming-of-Age-Film, einen Samuraifilm und einen Agententhriller zusammenzubringen, mit einer großen Portion Mistery und einer feinen Prise Science-Fiction. Mehr als zwei Stunden voller interessanter Ideen und starker Bilder, aber am Ende fügt sich das nicht in eine überzeugende Erzählung. Auch wenn wir direkt nach dem Film noch am Sortieren sind und einiges kritisieren, ist der Film doch sehr sehenswert – allein schon, weil er unüberhörbar die Frage stellt: Ist die Menschheit noch zu retten? Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Rene und Marcel von den Abspannguckern, Andras und Thomas.
06:51 01.06.24
Folge 1284: Takeshi Kitano KUBI feat. Rene, Marcel und Johannes (NipponConnection2024)
Der Film beginnt mit einem Schwenk über gefallene Samuraikrieger in einem Flussbett, die Kamera hält bei einem Mann, dessen Kopf abgeschlagen wurde. Aus dem Hals heraus klettern Krabben und beginnen den Leichnam aufzufressen. Damit gibt Takeshi Kitano gleich den Ton vor. Er dekonstruiert und vernichtet den Samurai-Mythos, KUBI ist eine blutige, brutale, kopfabschlagende Desillusionierungsmaschine. Toxische Maskulinität gerät außer Kontrolle, Macht, Eitelkeit und Gier treibt die Männer an. Sie gehen sich selbst an die Gurgel und vor allem schicken sie tausende Soldaten in einen sinnlosen, grausamen Tod. Das alles zeigt uns Kitano sehr explizit, immer wieder auch mit schwarzem Humor. Hier führen sich die Samurai auf wie schwachsinnige Yakuza – und das zwischen den Kriegern auch noch Liebesaffären laufen, verstärkt das Chaos noch. Direkt nach dem Kino hat Thomas spät in der Nacht am Mikrofon: Rene und Marcel von den Abspannguckern, Johannes und Hendrik, der den Film ganz anders erlebt hat.
06:32 30.05.24
Folge 1283: Michihito Fujii 18×2 BEYOND YOUTHFUL DAYS feat. Helena und Malte (NipponConnection2024)
Der 18-jährige Jimmy ist verliebt. Er arbeitet in einer Karaoke-Bar in Taiwan, als die bezaubernde japanische Backpackerin Ami auftaucht. Einen Monat lebt und arbeitet sie dort und verzaubert alle. Jimmys Gefühle scheint sie nicht zu erwidern, seine schüchternen Annäherungsversuche sind nicht wirklich erfolgreich. Oder doch? 18 Jahre später begibt er sich auf eine Reise – zu Ami. 18×2 berührt, weil die beiden Hauptdarsteller (und die Nebendarsteller) uns ihre Figuren großartig nahe bringen, weil der Film mit Twists gut geschrieben und mit schönen Bildern sehr liebevoll inszeniert ist. Ein romantischer, tränenreicher und sehr gelungener Start ins Festival Nippon Connection 2024. Direkt nach dem Kino bei Thomas am Mikrofon: Helena und Malte von Sneaky Monday.
11:52 29.05.24
Folge 1282: Hirokazu Kore-eda MONSTER - Grenzen überwinden
Ganz langsam entfaltet sich die Geschichte um die Freundschaft zweier Jungen: Minato, der Ältere, wird beschuldigt, Yori zu mobben und beschuldigt seinen Lehrer, ihn geschlagen zu haben. Was steckt dahinter? Was ist wirklich passiert? Wie einst in RASHOMON wird auch hier die Geschichte nacheinander aus drei Perspektiven erzählt. Zuerst mit den Augen der resoluten, alleinerziehenden Mutter (großartig: Sakura Ando), die ihren Sohn mit aller Kraft verteidigt, dann aus der Perspektive des Lehrers, der mit seinen Stärken und Schwächen unter die Räder des Systems gerät – und schließlich aus der Perspektive der Kinder.Während die ersten beiden Akte einem lang vorkommen können (wenn man noch nicht in Kore-edas Raumzeit angekommen ist), bildet der dritte Akt den bewegenden und dramatischen Höhepunkt der Geschichte. Die beiden Kinderdarsteller Soya Kurokawa und Yota Hiiragi sind herausragend – ihre Figuren wehren sich gegen die Erwachsenen, ihre Vorurteile und Regeln, die dem Glücklichsein im Wege stehen. Kore-eda findet dafür genau die richtigen, oft wunderschönen Bilder. Während die Erwachsenen in unterschiedlicher Weise von Mauern begrenzt sind, laufen am Ende Minato und Yori einfach weiter in ihre Zukunft hinein. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Cinemayence: Johanna, Kathrin und Thomas.
12:30 25.05.24
Folge 1281: DREAM SCENARIO - Wir träumen von Nicolas Cage
Prof. Matthews ist ein eher langweiliger Prof, irgendwie unvollendet, ein Mensch, der seine wissenschaftliche Karriere nicht gekrönt hat und sich selbst etwas vormacht, ein Mensch, der mit seinen Schwächen oft peinlich ist, uns aber aber nie wirklich unsympathisch ist. Als er ganz unverdient ohne sein Zutun sehr berühmt wird, ist er schnell überfordert. Er genießt den Ruhm und durchschaut die Mechanismen der Aufmerksamkeit nicht. Aber die Dinge ändern sich, der Ruhm kippt und am Ende steht der Kommerz – der Grobablauf der Handlung zeigt: DREAM SCENARIO ist auch eine Parabel über Social Media-Hypes. Aber der Film ist mehr: Er ist – wie Marc sagt – ein Spiegel unserer eigenen Bedeutungslosigkeit, Ohnmacht, Selbstüberschätzung, Naivität, Eitelkeit aber auch der Angst vor Bloßstellung, der Angst vor Einsamkeit. Das alles steckt mehr oder weniger in uns allen. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen wir über emotionale Reaktionen im Kino, über starke Einstiege und ein nicht so starkes Finale, über Träume und böses Erwachen. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Cinemayence – dem Regen trotzend: Johanna, Katharina, Kathrin, Anke, Marc, Tom und Thomas.
13:17 22.05.24
NipponConnection: Offizieller Festivalpodcast 2024, Folge 2 Kotone Furukawa
In der zweiten Folge des diesjährigen offiziellen Filmpodcasts sind Florian Höhr und Sebastian Krehl zu Gast. Ich spreche mit Ihnen über einen besonderen Gast des Festivals, die Nachwuchsschauspielerin Kotone Furukawa, die in diesem Jahr auf Nippon Connection mit dem Nippon Rising Star Award ausgezeichnet werden wird. Bekannt ist sie aus „Wheel Of Fortune And Fantasy“ (Das Glücksrad) von Ryusuke Hamaguchi. Auf dem Festival ist sie zu sehen im neuen Horrorfilm „Best Wishes To All“ von Yuta Shimotsu und im romantischen Mystery-Drama „Secret: A Hidden Score“ von Hayato Kawai. Und wir sprechen über weitere Highlights des Festivals: zum Beispiel über Takeshi Kitanos Samurai-Film „KUBI“, Nobuhiro Yamashitas Musik-Komödie “Let’s Go Karaoke!”, Keisuke Yoshidas Drama „MISSING“, über Ren Sudo „Abyss“, über „Blue Giant“ von Yuzuru Tachikawa und Shojiro Nishimis melancholisches Sci-Fi-Drama „PHOENIX: Reminiscence Of Flower“. Und Sebastian schwärmt vom kleinen J-Horror-Schwerpunkt. Hört rein!Alles über das Festival auf NipponConnection.com
47:03 19.05.24
NipponConnection: Offizieller Festivalpodcast 2024, Folge 1 „Crossing Borders“
Herzlich willkommen zum offiziellen Podcast des japanischen Filmfestivals Nippon Connection 2024 mit mehr als 100 Filmen vom 28. Mai bis zum 2. Juni in Frankfurt am Main. Florian Höhr, der Leiter des Filmprogramms von Nippon Connection, spricht mit Thomas Laufersweiler über den Programmschwerpunkt „Crossing Borders“: Es geht vor allem um die gegenseitige Beeinflussung und Zusammenarbeit von japanischen und internationalen Filmschaffenden. Da fällt uns im Podcast gleiche eine Menge dazu ein: der Einfluss von Hollywood auf Akira Kurosawa und von Kurosawa auf Hollywood, der Einfluss des japanischen Kinos auf Tarantino, der Einfluss von Ozu auf westliche Regisseure, der Regisseur Koreeda zwischen Japan und Korea, Kyoshi Kurosawas französischer Film „Daguerreotype“ oder sein Film „To the End of the Earth“ oder „Perfect Days“ mit dem deutschen Regisseur Wim Wenders.Für diesen Schwerpunkt haben die Programmmacher das Drama „Die Tochter des Samurai“ (1937) von Arnold Fanck ausgewählt – als eine der ersten deutsch-japanischen Koproduktionen. Dr. Iris Haukamp wird diesen Film in einem Vortrag einordnen. Florian empfiehlt im Podcast den deutsch-japanischen Dokumentarfilm „Johatsu – Into Thin Air“ von Andreas Hartmann und Arata Mori über das selbstbestimmtes Verschwinden von Menschen in Japan und den Spielfilm „18×2 Beyond Youthful Days“ – eine ergreifende Love Story von Michihito Fujii, die in Taiwan und Japan spielt. Dazu kommen in der Retrospektive sieben japanische Film Noir, sowohl vom amerikanischen Kriminalfilm und vom deutschen Filmexpressionismus beeinflusst. Hört rein.Alles über das Festival auf NipponConnection.com
42:35 14.05.24
Folge 1278: CHALLENGERS - Schöne Menschen, zerbrechende Träume
Folge 1278 – Als ich im Kino saß und CHALLENGERS sah, hatte ich keine Ahnung, das hier Luca Guadagnino Regie führte. Der Regisseur von CALL ME BY YOUR NAME, SUSPIRIA und BONES AND ALL. Das erfuhr ich erst in der Podcastaufnahme von Johanna. Und das war auch gut so, denn so war ich unbelastet von entsprechender Vorerwartung. Zuerst die Big Points, die CHALLENGERS macht: Wer einen Sinn für sportlichen Wettbewerb hat, der kommt voll auf seine Kosten – als Sportfilm, als Tennisfilm sehr gelungen.Wer Spaß an mutiger Inszenierung und Kameraarbeit, wird den Film lieben: Spätestens wenn der Aufschlag direkt in die Kamera geschlagen wird, braucht man keinen 3D-Effekt, um im Kinosaal im Reflex auszuweichen. Es gibt soviele unerwartete Perspektiven, einmal ist der Ball selbst das Kameraauge. Und einen hemmungslosen Score 🙂 Und: schöne Menschen: Natürlich vor allem Zendaya, aber auch viele junge, sportliche Männer, die diesmal ohne Handtuch aus der Dusche kommen. Ein sexy Film ohne Exploitation. Dieser Punkt geht an die Produzentin Zendaya.Aber man kommt auch nicht so richtig in den Film hinein, wenn man weder mit Sport noch mit Dreiecksbeziehungen sehr viel anfangen kann. Für die ganz großen Punkte hätte der Film bei den Charakteren noch tiefer gehen müssen – das Potential der Geschichte (zerbrechende Träume, zerbrechende Beziehungen) hätte es zugelassen. Im Podcast direkt nach dem Kino am Mikrofon – mit ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen: Johanna, Anke, Marc, Tom und Thomas.
15:43 13.05.24
Folge 1277: THE FALL GUY - Fallen, Lachen, Aufstehen
„Ein Colt für alle Fälle“ gehört für mich zu den harmlos-spaßigen Kindheitsfernseherinnerungen, dominiert von Lee Majors, der immer den Eindruck machte, als ob er sich selbst (und das Showbusiness) nicht übertrieben ernst nehmen würde. Aus der Idee der Serie (ein Stuntman gerät in Abenteuer) einen Kinofilm zu machen liegt nahe, hat aber lange nicht funktioniert, bis der ehemalige Stuntman und erfolgreiche Action-Regisseur David Leitch das Projekt übernahm. Er hat mit seinem Team nicht nur für rasante und oft komische Actionszenen gesorgt, sondern auch für eine Menge liebevolle Selbstironie und schöne Details bei der Darstellung von Dreharbeiten. Dazu kommen zwei Hauptdarsteller, die Action, Augenzwinkern und Romantik wunderbar zusammenbringen. Als Actionkomödie funktioniert THE FALL GUY sehr gut, perfektes Popcornkino. Als RomCom? Da gibt es zumindest im Podcast unterschiedliche Meinungen 🙂 Im Podcast direkt nach dem Kino am Mikrofon: Johanna, Harald, Tom und Thomas.Rückblick: Unsere ersten Eindrücke von anderen Filmen von David Leitch:Bullet TrainDeadpool 2Atomic BlondeJohn WickFilme mit Emily Blunt und Ryan Gosling
08:33 05.05.24
Folge 1276: CIVIL WAR - Der Krieg in uns
Bürgerkrieg – das ist weit weg in Beirut, in Syrien oder in Libyen. Weit genug, um uns in eine falsche Sicherheit zu wiegen. Alex Garland macht uns mit CIVIL WAR klar, dass auch bei uns „im Westen“ ein Bürgerkrieg ausbrechen kann, dass sich auch bei uns die zerbrechliche Struktur der Zivilisation auflösen kann. Garland zeigt, wohin die irrationale Polarisierung, der Hass und die Hetze uns führen kann: Ins Chaos, in tausendfache Kriegsverbrechen. Und er holt den Bürgerkrieg so nah an uns heran, dass es wirklich Angst macht. Dabei klammert er die politischen Gründe für den Bürgerkrieg komplett aus, lässt uns ratlos zurück, wer eigentlich warum gegen wen kämpft. Das wird jeden politisch-interessierten Zuschauer frustrieren (was man in unserem Podcast hören kann), ist aber eine sehr gute Entscheidung.Denn es geht Garland ganz bewusst nicht darum, eine Seite zu wählen. In einem kommenden Bürgerkrieg in den USA, in einem Land, in dem so viele Menschen Waffen haben, wird es kaum noch eine Rolle spielen, wer warum gegen wen kämpft. Es wird darum gehen, den zu töten, der einen selbst töten will. Und das bedeutet Lynchmobs, das Ausleben von Rachefantasien, das bedeutet tödlichen Rassismus und unendlich viele unschuldige Opfer. Direkt vor unserer eigenen Haustür. Garland erzählt aber auch von der Macht der Bilder, von ikonographischen Pressefotos, von der Angstlust des Kriegsjournalismus in starken Bildern und einer vielleicht schon fast provokativen Musikauswahl. Er zeigt die jugendliche Euphorie (Cailee Spaeny) und das Zerbrechen an zu vielen grauenhaften Bildern (großartig: Kirsten Dunst). Garlands Antikriegsroadmovie ist eine Lektion. Und ein sehr guter Film. Im Podcast direkt nach dem Kino am Mikrofon – mit unterschiedlichen Meinungen: Heidi, Katharina und Thomas.Unsere ersten Eindrücke von anderen Filmen von Alex Garland:MenEx MachinaSunshine28 Weeks Later
07:22 27.04.24
Folge 1275: COLONOS - All the Pretty Horses …
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Feuerland erschlossen, d.h. reiche Großgrundbesitzer kauften das Land und schickten bewaffnete Männer, um die indigene Bevölkerung aus dem Weg zu räumen. Dieses kolonialistische, rassistische Kapitel der chilenischen Geschichte hat sich Felipe Galvez vorgenommen. Er zeigt uns drei dieser Männer: Lieutenant Alexander McLennan (Mark Stanley), der Mestize Segundo (Camilo Arancibia) und der Texaner Bill (Benjamin Westfall). Sie machen sich auf, um die indigenen Stämme zu finden und abzuschlachten, um Platz zu schaffen für Schafe und für Straßen.Der Ausschnitt aus dem Völkermord ist aber halb von einem mythischen Nebel verdeckt, ein Schleier über diesem kargen und unglaublich schönem Land. Sowohl der Schamane wie auch die Opfer sind kaum zu erkennen, wenn die drei Männer wie Wölfe über die Schafe herfallen. Männer, die sich ihre eigene Geschichte erfunden haben, die sich selbst und jede Hemmung verloren haben oder  – wie Segundo – sich einfach nicht dagegen aufbäumen können. Ein Film über Männer, die nur kämpfen können – selbst wenn sie auf Ihresgleichen treffen, suchen sie schnell den Konflikt und die Gewalt.Im Podcast diskutieren wir darüber wie Galvez diesen düsteren, sehr bildstarken und vollkommen pathos-freien Anti-Western inszeniert: Er baut in seinem Debütfilm Stück für Stück eine Versuchsanordnung mit den drei Männern auf. Aber noch bevor sich die aufgebaute Spannung zwischen den Männern schließlich entladen kann, wechselt Galvez Ort und Zeit und erzählt stattdessen die Geschichte Chiles von einer ganz anderen Perspektive aus. Wir sind uns im Podcast nicht einig, ob dieser unerwartete Schritt nur unsere Sehgewohnheiten herausfordert oder tatsächlich dem Film sein Momentum und seine Kraft nimmt. Aber wir sind uns sicher: Dieser Film ist sehr sehenswert. Am Mikrofon direkt nach dem Heimkino: Johanna, Götz und Thomas.COLONOS ist zurzeit auf MUBI zu sehen.
22:27 22.04.24
Folge 1274: GHOSTBUSTERS: FROZEN EMPIRE – Und jetzt noch einmal alle zusammen
Es gibt so Abende, da hat es ein Film schwer, zum Beispiel wenn das Kino die Heizung hochgedreht hat und die trockene Luft die Kontaktlinsen brennen lässt. Insofern hatte GHOSTBUSTERS: FROZEN EMPIRE keine guten Rahmenbedingungen bei mir. Das Sequel hat sich aber schön weggucken lassen. Die Familie, die wir in GHOSTBUSTERS: LEGACY kennengelernt haben, hat gerade in New York die alte Feuerwache übernommen, als eine neue Geistergefahr auftaucht – ein jahrtausendealter eisiger Rachegott aus dem Zweistromland. FROZEN EMPIRE packt auf die Gruselgeschichte mit diesem nicht sehr charismatischem Antagonisten eine Coming of Age-Geschichte, ein Familie-wächst-zusammen-Geschichte und eine generationenübergreifende Reunion. Das läuft dann nicht immer sehr rund. Vielleicht liegt es auch ein bisschen daran, dass die Geschichte der Geisterjäger besser in die 1980er gepasst hatte und dort auch schon weitgehend auserzählt war. Aber wie gesagt: Unter optimalen Bedingungen macht er vielleicht noch deutlich mehr Spaß als mir bei unserem Kinobesuch. Und die eine oder andere Pointe zündet schon (der Volkskundler! die „alte“ Bibliothek!). Direkt nach dem Kino habe ich Gabriele und Tom am Mikrofon – mit unterschiedlichen Meinungen.
08:46 13.04.24
Folge 1273: LOLA - Die Zukunft der Vergangenheit
Im Mittelpunkt des Films stehen zwei Schwestern: Thom, die Ältere, ist eine geniale Selfmade-Physikerin und erfindet eine Maschine namens LOLA, die Ton- und Bildsignale aus der Zukunft empfangen kann. Ihre jüngere Schwester Mars ist die emotionalere – und moralischere – von den beiden. Sie werden reich mit Pferdewetten und genießen Ende der 1930er die Musik von David Bowie. Doch dann kommt der Krieg und LOLA könnte die Geschichte verändern …Andrew Legge konzipierte den Film komplett als Found Footage-Film. Tatsächlich sehen die verwackelten Schwarzweissbilder aus, als wären sie in Ende der 1930er mit einer kleinen Kamera gedreht worden, Unschärfen und Fehlbelichtungen erschaffen einen authentischen Eindruck. Dazwischen sehen wir immer wieder echte Archivaufnahmen, die geschickt in die Handlung eingebaut und passend bearbeitet wurden. Dennoch lebt der Film nicht nur von seinem sehr gut umgesetzten visuellen Konzept oder von der Idee, die Zukunft verändern zu können. Der Film wird getragen von seinen beiden großartigen Hauptdarstellerinnen, Stefanie Martini und Emma Appleton.Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen wir über die komischen und tragischen Seiten des Films, über den starken Score, über das gelungene Timing und über die Musik der alternativen Zeitlinie. Unser Urteil: sehr empfehlenswert – vielleicht auch als Double Feature mit DIE THEORIE VON ALLEM. Am Mikrofon vor dem Kino: Johanna, Anke, Marc, Hendrik und Thomas.
11:16 28.03.24
Folge 1272: FERRARI - Die Liebe und der Tod fahren mit
Wenn die Fahrer sich 1957 in die feuerroten, schnittigen Rennwagen von Enzo Ferrari setzen, dann wissen sie, dass sie ihr Leben riskieren. Genau wie ihre Konkurrenten, die für Maserati und Mercedes fahren. Sie müssen sich fragen, was sie bereit sind für den Sieg zu riskieren, denn der Tod sitzt immer mit im Wagen. Die dramatischen Rennen, die Spannung, die Unfälle sind beeindruckend in Szene gesetzt, Kameras sind oft tief an den Fahrzeugen befestigt und machen Beschleunigung und Geschwindigkeit sichtbar. Aber das ist nur eine von zwei Handlungsebenen: Michael Mann verwebt die Rennen mit dem Leben von Enzo Ferrari, erzählt von der Trauer um seinen früh gestorbenen Sohn Dino, vom Streit mit seiner leidenschaftlichen, kämpferischen Ehefrau (herausragend: Penelope Cruz) und vom Familienglück mit seiner Geliebten (Shailene Woodley).Immer wieder zeigt Michael Mann die traumhafte Landschaft um Modena und Katharina beschreibt die Szenen mit der Familie zurecht als Gemälde. Tatsächlich hatte Michael Mann seinem Kameramann empfohlen, sich an Gemälden der italienischen Renaissance zu orientieren, an Caravaggio und an niederländischen Meistern. Das führt zu Szenen mit warmen Farben, pointiertem Licht und viel dunklem Hintergrund. Der Film wirkt, als hätte er ganz auf CGI verzichtet und es gibt in der Tat hinter den Kulissen dieses Films sehr viel mehr Stuntfahrer als Special Effects-Menschen 🙂Im Podcast direkt nach dem Film rede ich mit Katharina und Tom über die Schwarzweissbilder ganz am Anfang, über Schüsse, die man in der Kirche hören kann, über das Chamäleon Adam Driver und Abschiedsbriefe. Klare Empfehlung, auch als Double Feature mit FORD VS. FERRARI. P.S. Der Unfall, den wir im Film sehen, bedeutete das Ende der Rennen auf offenen Straßen und damit der legendären Mille Miglia. Der legendäre „Kiss of Death“ ist auch im Film zu sehen: Der Kuss, den Alfonso Portago vor seinem tödlichen Rennen von seiner Geliebten bekommt.
12:39 25.03.24

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